Leseprobe

Cataracta ist ein Land voller Reichtum und Wohlstand. Ursprünglich der Rückzugsort der Geister und Dämonen wird es nun von Menschen, Überwesen und Halbwesen bevölkert. Nach dem Sturz der Drake-Dynastie schwingen sich die Hexen zur Elite der Gesellschaft auf. Doch das Gleichgewicht zwischen Sterblichem und Übernatürlichem ist ins Wanken geraten.
Während Herrenburg in der Neuzeit im Chaos zu versinken droht, suchen Janus und der Zeitdämon Chronius in der Vergangenheit nach Phobos Rettung. Sie begegnen der Mutter der Hexen, die noch ganz am Anfang ihres Lebens steht und erfahren mehr über die Überwesen und die Zeit selbst. Doch es bleibt keine Zeit stillzustehen; die Zeit läuft!

Er landete mitten in einem Wald in den Götterbergen. Vögel zwitscherten und das Laub raschelte im Wind, der leise summte. Mit einem leichten, lustigen Lied auf den Lippen strich er durch die Bäume und über das saftiggrüne Gras. Janus war barfuß und spürte die warme Erde. Es war, als vibriere sie. So wie der ganze Boden wackelt, wenn riesige Bassboxen dumpf vor sich hinwummern. Die Erde schwang vom tiefen Brummen der Steine. Er stand allein unter dem Blätterdach, doch er hörte Kichern, Flüstern, Summen und Schimpfen. Überall hockten sie: Dämonen und Geister. Illusionsschatten flogen wie Nebelschwaden von einem Baum zum anderen. Sie flüsterten heiser vor sich hin, doch er verstand keines ihrer Worte. In den dunklen Baumkronen glaubte Janus, Augen aufblitzen zu sehen. War es nur Einbildung? Riesige Vögel und Drachen zogen über den Himmel, manche Steine schienen Gesichter zu haben, die ihn müde anblinzelten.
Er sah sich um, drehte sich um sich selbst. Plötzlich stand eine hochgewachsene Gestalt vor ihm. Ihr blondes Haar glänzte golden in der Sonne, die roten Augen blickten scheu unter langen Wimpern hervor. Sie kicherte und verschwand im Dunst der warmen Luft. Das war Celeste. Janus hatte nicht erwartet, dass sie in ihrer wahren Dämonengestalt riesig war.
»Oh ja«, stöhnte Chronius. Er reckte und streckte sich in Janus Innerem wie eine Katze, die wohlig schnurrend auf einem Stein lag. »Das ist es – das Leben. Die Freiheit!«
Hinter den Bäumen entdeckte der Hexer Gesichter und kleine Männchen. Es waren die Wesen, die er gesehen hatte, als er bei Dante gewesen war. Erdmännchen, mit Augen aus Edelsteinen, erdiger Haut und Kleidern aus Schmutz und Blättern, die an ihren Körpern wuchsen. Die Luftgeister waren nicht schüchtern, schwirrten und rollten durch die Luft. Scheinbar spielten sie ein Spiel: Wer wagte sich am weitesten an den Hexer heran. Sie kicherten und wirbelten um ihn.
So musste es vor vielen Jahren überall in Cataracta gewesen sein. In der Götterwiege. Die Geister und Dämonen lebten und existierten in allem, was es gab. [...]

Bald hatten sich die Geister um Janus versammelt. Er konnte sich kaum rühren, ohne einem der kleinen Wesen auf den Fuß zu treten. Er hatte keine Ahnung, was sie überhaupt von ihm wollten. Vielleicht waren sie nur neugierig?
»Was habt ihr denn da?«, hörte er eine Stimme hinter sich. Er kannte den Klang, obwohl er weicher war, als er ihn in Erinnerung hatte, und wurde nicht von einem Klappern und Knacken begleitet. Als sich Janus umsah, entdeckte er sie. Das schwarze, lange Haar hatte sie zu einem dicken, lockeren Zopf geflochten. Die hellblauen Augen blickten aus einem blassen, makellosen Gesicht mit vollen, roten Lippen und ein paar Sommersprossen auf der Nase. Sie war wie er barfuß, trug nur eine an der Taille zusammengebundene Bahn aus Leinen. Sie war erwachsen geworden.
»Sind wir nicht im 18. Jahr der neuen Zeitrechnung?«, wandte er sich an Chronius. Er war sich sicher gewesen, höchstens zwei Monate nach ihrem letzten Besuch in dieser Zeit angekommen zu sein. Aus dem vierjährigen Mädchen war eine Frau geworden, vielleicht 20 Jahre alt.
»Doch, doch«, erwiderte der Dämon lachend. »23.04.18 n.D., um ganz genau zu sein. Etwa fünf Wochen nachdem wir sie gerettet haben.«
»Wieso ist sie dann so ...« Janus wusste nicht, wie er sie beschreiben sollte. Sie war erwachsen, wunderschön – perfekt. Obwohl sie nichts als die Stoffbahn trug, kam er sich schäbig vor, als hätte er es nicht verdient vor ihr zu stehen – mit Leinenhose und Wams, barfuß.
»Ich denke, ›scharf‹ ist das Wort, wonach du suchst«, stichelte der Dämon ungeniert.
»Janus«, sagte sie ehrfürchtig, als sie ihn erkannt hatte, ihre Augen weiteten sich vor Entzücken. »Ich habe gehofft, dich wieder zu sehen.« Leichtfüßig kam sie näher, die Geister machten ihr den Weg frei, bis sie direkt vor ihm stand. Fasziniert betrachtete sie ihn. »Der Träumer hat mir versprochen, dass ich dich wiedersehen werde, aber ich hätte nie gedacht, dass es so schnell geht.«
Janus wusste nicht, was er sagen sollte. Sie sah ihn an, als wäre er ihr Schutzengel.
»Na, reiß dich zusammen! Was soll sie denn denken? Hör auf, sie so blöd anzuglotzen, und sag was!«
»Ja, hier bin ich«, fiel es ihm aus dem Mund. Sie schien überrascht. »Beim letzten Mal hast du ... sicherer gewirkt. Nanu, bist du kein Dämon? Ein Geschwister vom Träumer?«
»Nein.« Janus wurde etwas rot. »Ich bin kein Überwesen.«
»Nicht?« Sie legte ihre linke Hand an seine Brust und genauso das Ohr. Sie lauschte und Janus wusste nicht, was er von diesem Körperkontakt halten sollte.
»Buh!«, brüllte Chronius und Samsara wich erschrocken zurück. Im nächsten Moment lachte sie, denn auch Janus war zusammengezuckt. Er musste sich daran gewöhnen, dass sein Dämon durchaus mit der Außenwelt kommunizieren konnte. Diese Fähigkeit baute er jetzt erst aus. Sein Gegenüber musste allerdings ein Überwesen oder wenigstens Halbwesen sein, um ihn wahrnehmen zu können. Auf ebendiesem Weg konnte er mit seinen Artgenossen sprechen, wenn sie denn gewillt waren. Andersherum konnte Chronius, wenn er wollte, seine Präsenz verschleiern, dass niemand ihn in Janus spüren konnte.
»Du bist vielleicht kein Überwesen, aber es lebt eins in dir«, stellte Samsara fest. »Und das ist das Geschwister vom Träumer.«
»Ich mag sie«, freute sich Chronius. »Sie ist erfrischend intelligent.«
»Erfrischend intelligent?«, wiederholte Janus die Formulierung.
»Ja, erfrischend intelligent. Soll ich es dir vortanzen?«
»Mit Bart hast du mir aber besser gefallen«, sagte sie. »Komm, wir gehen zu Koga.« Sie griff nach Janus Hand und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Bewegung. Während er jedes Steinchen und jeden Ast schmerzhaft an den Fußsohlen spürte, fanden ihre Füße spielerisch den Weg. Sie näherten sich einem Bach, den er schon aus der Ferne glucksen hörte. Am Ufer versammelten sich Wasserfeen, die die schlanken Beine in die Wellen tauchten, das durchscheinende Haar wuschen oder mit Wassertropfen spielten. Sie murmelten wie der Bach, ihr Lachen war wie ein Platschen.
Als die Feen Samsara entdeckten, kamen ihr einige zur Begrüßung entgegen. »Ich habe etwas für euch«, sagte sie mit einem wundervollen Lächeln und die Feen quietschten und gurgelten vor Vergnügen. Sie fuhr mit Zeige- und Mittelfinger in ein Beutelchen, das sie an der Taille trug, und holte glatte Steinchen hervor. »Die sind aus dem Fluss im Tal«, erklärte sie und ließ sich die Kiesel aus der Hand nehmen.
»Oh«, murmelten die Feen verzückt und erröteten.
»Wie geht es Kaiyô?«
Janus sah auf und erblickte ein merkwürdiges Wesen, das am Ufer des Bachs aufgetaucht war. Es hatte die Gestalt eines Frosches aber ein menschliches Gesicht. Ein langer, flacher Schwanz lag im Wasser, schob sich träge hin und her. Fischaugen blickten ihm misstrauisch entgegen, während die Wasserfeen begannen, das dünne, grüne Haar zu kämmen. »Und was will ...« Das Wesen hielt inne. »Die Vergangenheit bewegt sich in der Gegenwart?«, fragte es dann empört.
»Aufregend, oder?« Samsara ging auf den Wassergeist zu, fließend, geschmeidig. »Das ist Janus«, erklärte sie, als sie bei dem Frosch angekommen war. Janus verneigte sich zur Begrüßung, wie er es bei van Helsing gelernt hatte. Jedoch blieb er vorerst auf Abstand. Der Geist schien nicht besonders erpicht auf ihn zu sein.
Sie nahm von den Feen einen dreizackigen Kamm aus geschliffenen Stein entgegen und begann damit, einen großen Knoten aus dem Haar des Riesenfroschs zu lösen. »Er war es, der mich hergebracht hat.«
»Ach«, gluckste er. »Der ...«
Der Wassergeist klang abwertend. Der Menschenmund zog sich in die Breite, die Mundwinkel nach unten. Dabei quoll die Unterlippe hässlich hervor. »Halt dich fern von ihm. Die Vergangenheit ist toll und hat in der Gegenwart nichts verloren.«
»Was hat das denn gegen dich?«, wollte Janus sofort wissen. Er wusste beim besten Willen nicht, welchem Geschlecht er dieses merkwürdige Gebilde zuordnen sollte. Gesicht und Stimme wirkten weiblich, es trug aber einen spärlichen Bart und schien irgendwie männlich gebaut. Chronius war überraschend gelassen geblieben, obwohl er sonst dazu neigte, sich in solchen Situationen aufzuregen.
»Das heißt Kappa«, begann er. »Und ist nicht das Einzige, das etwas gegen mich hat. Die meisten können mich nicht leiden.«
»Aha ... wieso das denn?« Auch wenn Chronius die eine oder andere Macke hatte, hielt Janus ihn für umgänglich. Was sollte die Überwesen an ihm stören? Der Träumer hatte nicht gewirkt, als wäre er ihm und seinem Untermieter abgeneigt gewesen.
»Liegt an Konkan«, antwortete Chronius und der Hexer spürte, wie er mit den Achseln zuckte.
»Er ist sehr nett, Kappa«, versicherte Samsara und nahm die nächste nasse Strähne in die Hand.
»Der Halbmensch Janus vielleicht. Die Vergangenheit Chronius nicht«, brummte der Wassergeist. Während er sprach, braute sich ein Quaken in seinem Kehlsack zusammen. »Wie geht es meinem Geschwister Kaiyô?«, kam es auf seine ursprüngliche Frage zurück.
»Es hat auf mich einen gesunden Eindruck gemacht«, erwiderte Samsara. Energischer hackte sie auf den Haarknoten ein, bis er sich endlich löste. »Der Schrein ist aber abgetragen worden. Ein paar Dorfbewohner legen aber immer noch Opfergaben an die Stelle. Es ist versorgt.«
»Na hoffentlich.« Kappa ließ ein tiefes, kehliges Dröhnen hören. »Seit mein Schrein weg ist, ist es schwieriger. Sieh mich an, ich bin ein Wrack.«

»Kappa war nie eine Augenweide«, wies Chronius Janus auf die Realität hin. »An angeblich guten Tagen sah die Fettqualle wie eine aufgedunsene Leiche aus. Im Moment ist es halbwegs ansehnlich.«
»Danke für die Info.« Er versuchte, es sich vorzustellen, wie das Ding vor ihm noch hässlicher aussehen konnte. Aus der Gedankenwelt seines Dämons schwamm ein Bild vor seinem inneren Auge vorüber, was ihm Brechreiz verursachte. Im ganzen Leben hätte er sich nichts so abstoßend vorgestellt, wie dieses Vieh sein konnte – und das, obwohl es sich um einen Wassergeist handelte, die als besonders schön galten.
»Und die Fische, Samsara ... sie haben keine Lust mehr«, brabbelte Kappa ohne von Janus Notiz zu nehmen.

»Wie meinst du das?«, fragte sie sanft.
»Keiner will Eier in mich legen ...« Der Mund wurde noch etwas breiter, das Gesicht zu einer traurigen Fratze. Nur die Fischaugen glotzten ohne Emotion vor sich hin.
»Meine Güte, das will auch keiner. Jeder der seinen Schwanz da rein hält, hat schwere Störungen.« Chronius lachte gehässig.
»Vielleicht kommen sie noch«, beschwichtigte Samsara. »Du hast doch gemerkt, dass dieses Jahr alles etwas länger dauert. Wasser hat Feuer bei den Tänzen besiegt. Die Fische kommen schon noch.«
»Wenn du meinst ...«
»Ach ja«, seufzte Chronius. Er hing einem Wunsch nach.
»Warum so schwermütig?«, hakte Janus nach und wunderte sich über den schnellen Stimmungswandel.
»Ich habe das bisher nie miterlebt.«
»Was?«
»Na die Lenztänze! Dummkopf«, fügte er etwas leiser hinzu. »Die Sensation! Ich konnte es mir immer nur ansehen, wenn es vergangen war. Aber ich war nie Teil davon ... Wasser hat Feuer besiegt ... oh, das muss ein guter Kampf dieses Jahr gewesen sein.«
»Kampf?« [...]
»Ja!«, freute sich Chronius. »Die Geister und Dämonen kämpfen gegeneinander. Es geht um alles oder nichts. Die Vorherrschaft eines jeden Elements im neuen Jahr. Zu den Lenztänzen wird alles entschieden: jedes Unwetter, der Ausfall der Ernte, Unglücke. Was meinst du, warum das mit dem Opfern in Mode war? Je stärker das für die Menschen gute Überwesen, desto besser ist es im Kampf.«
»Ja, ist ja gut«, wehrte Janus ab. »Ich kapier’s ja.«
»Du kapierst gar nichts!«
Samsara löste noch einen Knoten, dann gab sie den Kamm einer Fee zurück. »Wir müssen weiter«, sagte sie. »Kann ich wieder etwas Wasser mitnehmen?«
»Natürlich«, blubberte Kappa. Es machte eine vage Kopfbewegung, woraufhin sich eine Kugel kühlen Nasses aus dem Bach erhob und auf Samsara zu schwebte. Sie nahm die Hände vor den Körper, die Handflächen nach oben. Sanft landete der Ball darauf und sie wandte sich Janus zu. »Gut, wir können weiter.«
Sie führte ihn bergan, bis sie den Wald verließen. Sie sprach nun gar nicht mehr, hatte den Blick konzentriert auf das Wasser in ihren Händen gerichtet und steuerte trotzdem sicher durch das Gras. Sie verfolgte einen Trampelpfad, der sich an Geröll und Unwegsamkeiten vorbeischlängelte. Schließlich hatten sie die Felswand erreicht, an der Janus sie als Kind abgesetzt hatte. Jetzt im Tageslicht betrachtet, fiel ihm ein, woher er diesen Ort kannte: Hier würde irgendwann die Hütte stehen, zu der Samsara Mort gebracht hatte, als sie ihn im Wald gefunden hatte.
Unter einem Felsvorsprung saß mit gekreuzten Beinen der Träumer. Wie bei ihren letzten Treffen hielt er die Lider geschlossen und die Augen bewegten sich darunter unermüdlich hin und her. Sein Gesicht war so zart, dass Janus ihn im ersten Moment für eine Frau gehalten hätte, wüsste er es nicht besser.
Neben ihm befand sich ein flaches Becken, direkt in den Stein eingelassen, in das Samsara die Wasserkugel absetzte. Das kühle Nass verlor seine runde Form und schwappte in der Mulde träg auf und ab, bis es stillstand.
»Willkommen«, hörte Janus die Stimme des Träumers im Kopf. »Ich habe euch erwartet.«
»Hi Koga«, entgegnete Chronius locker.
»Koga? Hi?«, platzte es aus dem Hexer. »Wir sind nicht im Streetdance-Club im Jahr 376!«
»Und mein Bruder ist nicht auf den Hinterkopf gefallen, als er ein Baby war«, erwiderte er gelassen. »Er versteht mich schon.«
»Allerdings, das tue ich«, meldete sich der Träumer zu Wort. »Setzt euch doch zu mir.«
Janus nahm wie geheißen unter dem Felsvorsprung Platz. Samsara kreuzte wie der Zukunftshüter die Beine und legte die Hände auf den Knien ab, jedoch mit den Handflächen nach unten zeigend.
Janus Blick wechselte zwischen ihr und dem Träumer hin und her. Wie schon bei Dante hatte er den Eindruck, dass sich die beiden verdammt ähnlichsahen, wenn auch nicht vollkommen.
»Ich habe euch erwartet, weil Samsara nicht allein in den Bergen leben soll«, begann er. »Ich möchte euch gleichermaßen lehren, was es bedeutet, die Mächte der Natur zu beherrschen.«
Überraschung machte sich in Janus breit. Der Träumer wollte ihn zusammen mit der Mutter der Hexen unterrichten? Was konnte ihm der Dämon beibringen, was er nicht schon bei van Helsing über die Überwesen gelernt hatte? Noch während er sich diese Frage stellte, fühlte er, wie dumm, ja arrogant sie doch war. In den letzten Wochen hatte er im Grunde ständig das Gefühl gehabt, Neues zu lernen, über etwas, das er längst kannte. Jetzt vom Träumer unterrichtet zu werden, war überwältigend.
»Aber ich wohne hier doch nicht allein«, widersprach Samsara sofort. »Hier ist so viel Leben!«

»Aber kein Mensch«, erwiderte Koga freundlich. »Du bist mehr Geist als Mensch. Andererseits ist Janus mehr Mensch als Dämon. Wenn ihr nur ein Fünkchen vom anderen lernen und mehr eure Balance finden könntet, wäre uns geholfen.«
Samsaras Blick ruhte auf Janus. Sie musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. »Und ein Mensch allein soll ausreichen, dass ich menschlicher werde?«, fragte sie. Ihr schien es gut zu gefallen, mehr Überwesen zu sein als etwas anderes. Plötzlich lag in ihrer Miene eine Art Abscheu. Es war derselbe Blick, wie ihn Dante aufgelegt hatte, als er sich so sehr über seine Existenz als Kind geärgert hatte.
Der Träumer schmunzelte. »Außerdem soll Janus in manchen Dingen meinen Platz als Lehrer einnehmen«, fügte er hinzu, ehe Janus der »Mensch-Prämisse« widersprechen konnte.
»Aha«, sagte Samsara. »Hat er denn die Fähigkeiten dazu? Ich meine ...«
»Sie versucht, es zu umschiffen«, stellte Chronius fest.
»Ist das gut oder schlecht?«, wollte der Hexer wissen. Er war unschlüssig, wie er sie einschätzen sollte. Einerseits schien er sie zu faszinieren und sie hatte ihn erwartet. Andererseits wirkte sie, zumindest was seine Fähigkeiten betraf, als, nun ja ... als was sah sie ihn? Sie hatte ihn für ein Überwesen gehalten, den Bruder vom Träumer. Sie hatte begriffen, dass dieses Wesen in ihm lebte, aber als was sah sie Janus an?
»Es ist ihr Element«, antwortete Chronius. »Sie ist mehr Wasser, als mancher Geist es ist. Die Aussage, dass du ihr Lehrer sein sollst, ist für sie ein Hindernis. Sie reagiert darauf und versucht erst mal, drum herum zu schwimmen – sich einen anderen Weg zu suchen. Kennst ja den Spruch.«
Wasser findet immer seinen Weg ... Ein geflügeltes Wort. Van Helsing hatte es oft erwähnt. Damals, als sie sich vor Janus noch als Eishexe und damit einer bestimmten Form der Wasserhexer ausgegeben hatte.
»Was die Praxis betrifft, wird er dir vieles besser erklären können als ich«, antwortete der Träumer. »Und auch die menschlichen Dinge.«

»Wieso muss ich das denn wissen?« Sie zog eine Schnute. Es war offensichtlich, dass sie nicht mehr viel in die Zivilisation zog. Ihre Heimat war binnen weniger Wochen das Gebirge geworden, ihre Familie der Zeitdämon und die Überwesen, die hier lebten. Und obwohl sie körperlich erwachsen war, wirkte sie wie ein Kind, das bockig seinem eigenen Sturkopf folgte.
»Du wirst nicht ewig hierbleiben können, Samsara.« Koga sprach ruhig, ohne jede Eile, ohne Zorn oder Missstimmung. Trotzdem erschien es Janus, als hätten sie dieses Gespräch häufiger geführt. Sie verdrehte die Augen. »Na schön«, erwiderte sie.
»Gut«, nickte der Träumer.
»Und nach unserer Meinung fragt hier keiner?«, mischte sich Chronius ein. Auch das brachte den Träumer zum Schmunzeln. »Habt ihr denn etwas dagegen?«
»Also wir sind hier nicht als Babysitter vorbeigekommen«, schimpfte der Zeitdämon los. »Wir müssen ein paar Sachen klären, am besten sofort und unter vier Augen.«
Janus war verdutzt. Seit wann sprang Chronius für ihn in die Bresche? Sie waren wegen Phobos hier, ja, aber der Hexer hatte nicht den Eindruck gehabt, dass es der Dämon eilig mit der Suche nach des Rätsels Lösung hatte.
»Kappa hatte recht«, murmelte Samsara, die jedes Wort mitgehört hatte, doch der Träumer wandte Janus nur gelassen das Gesicht zu. »Ihr findet alles, was ihr braucht, zu gegebener Zeit«, hörte er dessen Stimme.
»Ich wusste, dass er das sagt«, stöhnte Chronius.
»Das ist nicht verwunderlich, schließlich bewegen wir uns in der Zeit, die du kennst, auch wenn du dich nicht bewusst erinnerst.«
»Das hat weniger mit Erinnern als meine Familie kennen zu tun, Bruder.«
»Nenn es, wie du willst«, erwiderte der Träumer, nach wie vor gelassen. »Noch ist die Zeit nicht gekommen, euch das Geheimnis zu offenbaren. Ihr braucht Wissen und Stärke, um es bewältigen zu können.«