Leseprobe

Cataracta ist ein Land voller Reichtum und Wohlstand. Ursprünglich der Rückzugsort der Geister und Dämonen wird es nun von Menschen, Überwesen und Halbwesen bevölkert. Nach dem Sturz der Drake-Dynastie schwingen sich die Hexen zur Elite der Gesellschaft auf. Doch das Gleichgewicht zwischen Sterblichem und Übernatürlichem ist ins Wanken geraten.
Als Janus zum Hexer wird und den Zeitdämon Chronius in sich versiegelt, hat der Kampf der Jägergilde gegen die Hexen längst begonnen. Jüngste Ereignisse überschatten das strahlende Bild der Hexen und die Lösung scheint tief in der Vergangenheit verschüttet. Nur Janus kann den Geheimnissen auf den Grund gehen und verliert sich mehr und mehr im Sog der Vergangenheit.

Dunkelheit umgab ihn und seine Begleiter, als er durch den feuchten, kalten Gang tappte. Sie befanden sich in den seit Jahren verlassenen Katakomben Herrenburgs, die aus dem harten Gestein unter der Stadt geschlagen worden waren. Der Fels wurde von einem kleinen Edelstein erhellt, den Aphrodite in der Hand hielt. Wie der Strahl einer Taschenlampe leuchtete er in die Finsternis. Fernab der belebten Straßen und schwindelerregend hohen Häuser suchten sie nach einem ganz besonderen Wesen.

»Seid ihr sicher, dass er hier ist?«, fragte Jack und versuchte, etwas in der Schwärze zu erkennen.

»Natürlich«, erwiderte Phobos, denn er sah mühelos alles, was ihn umgab.

»Dort vorn«, sagte Deimos schräg hinter ihm. Mit Mühe erkannte Jack den Fingerzeig auf zwei kaum sichtbare Lichtpunkte.

»Ja, das ist er«, bestätigte Aphrodite. »Das ist Chronius.«

Jack schluckte. Er hatte schon so lange auf diesen Moment gewartet. Seit seinem elften Lebensjahr hatte er alles über Überwesen gelernt, was es zu lernen gab. Nun, als die Zeit gekommen war und er vor einem echten, freien Dämon stand, fühlte er sich unvorbereitet.

Wie seine drei Begleiter auch war er ein Halbwesen; ein Wesen, das aus der Liebe zwischen einer Menschenfrau und einem Überwesen entstand. Jacks Vater war ein Illusionsschatten, doch er hatte ihn nie kennengelernt. Lediglich ein paar Fähigkeiten hatte der junge Mann geerbt, die ihm manchmal nützlich waren.

Jetzt endlich, zwei Tage nach seinem 21. Geburtstag, war es soweit: Er sollte ein echter Hexer werden und einen Dämonen in seiner Seele binden, der ihm so seine Macht übertragen musste. Die Wahl war auf Chronius gefallen, ein Zeitdämon, der so alt wie die Zeit selbst war.

»Hol ihn dir!«, feuerte Aphrodite Jack an und gab ihm einen leichten Schubs. Ab jetzt war er auf sich allein gestellt, denn nur so konnte er den Respekt des Dämons erlangen. Er betrat die Barriere, die Phobos und Deimos am vorangegangenen Abend geschaffen hatten, um Chronius hier unten festzuhalten.

Der Dämon hockte auf einem Stein und beobachtete Jack genau. Chronius goldene Augen leuchteten in der Dunkelheit und folgten jeder Bewegung.

Jack blieb am Rand des Bannkreises stehen und zwang sich zur Ruhe. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, seine Hände schwitzten vor Aufregung. Hier spaltete er einen Doppelgänger von sich ab. Während Jack langsam auf den Dämon zuging, verharrte sein schemenhaftes Ebenbild in der Finsternis. Chronius rührte sich keinen Millimeter.

Jack erreichte den Dämon fast, doch dieser machte noch immer keine Anstalten, zu fliehen.

So einfach wird er es mir nicht machen, dachte Jack und wagte einen weiteren Schritt. Er ließ die Hand nach vorn schnellen, um den Dämon zu ergreifen, doch der Versuch ging ins Leere. Stattdessen wirbelten Goldkörner an der Stelle, wo das Wesen gerade noch gestanden hatte.

»Zu langsam«, schnurrte Chronius hinter ihm. Es klang wie das

Rauschen von Sand.

Jack wandte sich um, wollte den Dämon packen, griff jedoch wieder ins Nichts. Chronius lachte leise, womit er Jack seine Position verriet. Zufrieden lächelte der junge Mann und löste sich in Luft auf. Sein wahres Ich war längst hinter Chronius geschlichen.

Verdutzt musterte der Dämon die Stelle, an der Jack eben gestanden hatte, dann spürte er die Hand des Halbwesens in seinem Nacken.

»Die Zeit ist nun mal doch nur eine Illusion«, scherzte Jack und packte fest zu.

»Bastard!«, fluchte Chronius, spannte den Nacken und wehrte sich mit Tritten und Hieben, traf Jack jedoch nicht im Geringsten. Der Dämon kreischte und heulte erbost, während sich Goldkörner von seiner Haut lösten. Jack lockerte den Griff nicht.

Wie er es in seiner Ausbildung gelernt hatte, schloss er die Augen und konzentrierte sich auf sein Inneres. In der Bauchhöhle begann er, Lebensenergie zu sammeln. Es musste so viel wie möglich sein, um in der Lage zu sein dem Dämon seinen Willen aufzwingen zu können. Dann trieb er die Energie über das Herz hinweg in den Arm, mit dem er Chronius gepackt hielt. Er ließ den Strom in den Dämon fließen, der immer rasender wurde.

»Nein!«, brüllte dieser unter wildem Schmerz. »Ich gebe dir meine Essenz nicht!« Da begann das Glimmen in seiner Brust heller und heller zu werden. »NEIN!«, jaulte Chronius, als er bemerkte, wie sich sein Körper langsam auflöste. Die Zeit schritt voran, drehte sich zurück und pulsierte in goldenen Sandkörnern. Jack widerstand dem stärker werdenden Drang, die Hand zu öffnen. Er musste noch warten. Noch hatte sich der Körper des anderen nicht stark genug aufgelöst.

Dann riss er in einer plötzlichen, beherrschten Bewegung die goldene Essenz des Dämons aus den Überresten der vergehenden Hülle. Er hielt die zeitlose Seele fest umschlossen. Chronius komplette Existenz flatterte zwischen Jacks Fingern wie ein Herz.

Noch war die Bindung jedoch nicht abgeschlossen. Der junge Mann presste die Essenz gegen seine Brust, drängte sie Stück für Stück in sein Herz. Chronius wehrte sich fluchend und schreiend, doch er konnte nicht mehr entkommen. Das Leuchten der Essenz schwand, bis sie vollständig in Jacks Körper eingedrungen war. Selbst jetzt war der Kampf noch nicht zu Ende. Wütend warf sich Chronius gegen die fleischigen Wände seines Gefängnisses, während Jacks Energie ihn immer tiefer in den Bauch hinein trieb.

Endlich stürzte der Dämon in den unteren Rücken des Mannes, wo er augenblicklich von Fesseln geflochten aus purer Willenskraft umsponnen wurde. Die Essenz formte sich zurück zu einem menschlichen Körper, auf der Stirn des Dämons leuchtete golden ein verschlungenes Symbol auf.

»Du gehörst mir, ich bin dein Herr«, brachte Jack hervor. Eine Erkenntnis stieg in ihm auf, klar und rein. »Ich bin Janus«, sagte er, ehe er bewusstlos zusammenbrach.


[...] »Hi Janus«, machte sich Shaona neben ihm bemerkbar. Überrascht sah der Student von dem Buch auf und sah in das von dunkelblonden Locken umrahmte Sommer-sprossengesicht der Hexe. Sie hatte ein schiefes Grinsen aufgelegt, stemmte die Rechte cool an die Taille und sah nicht gerade so aus, als wäre sie zum Lernen hier. Die Spitze ihres Echsenschwanzes wackelte angriffslustig hin und her.

»Hi … was gibt’s?«, erwiderte Janus und stellte den Wälzer beiläufig wieder ins Regal zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass auch Faida dabei war. Manchmal schien sie das komplette Gegenteil von der feurigen, lebensfrohen Shaona zu sein. Sie folgte ihr wie ein Schatten, war zurückhaltend und wirkte oft traurig. Wenn sie einmal auftaute, war sie allerdings keinen deut besser als ihre Freundin.

»Wir wollten dich fragen, ob du mit uns auf die Party im Kessel kommst.« Shaonas Grinsen wurde etwas schiefer, fast schon schmutzig, während ihre Begleiterin gelangweilt Janus Blick auswich.

»Party klingt gut«, freute sich Chronius. »Los komm, sag ja! Außerdem ist die hier doch richtig heiß …«

»Shaona hat sich bisher nie für mich interessiert«, erwiderte Janus in Gedanken. An die beiden Hexen gewandt meinte er nur, er müsse noch lernen und hätte keine Zeit.

»Schade …«, murmelte Faida. Sie war sogar geschminkt, was sonst nie der Fall war und ihr schulterlanges Haar war frisch gefärbt – zumindest glänzte es in verschiedenen, dunklen Violett-Tönen. Die zwei waren älter als Janus, jedoch wirkten sie oft wie Teenager. Sie waren Langzeit-Party-Studenten in Herrenburg, verdienten sich mit Nebenjobs etwas Geld dazu und zwischen die beiden ging kein Blatt Papier. Es sei denn Shaona hatte einen Neuen. Janus kannte sie von den ersten Vorlesungen und während Shaona regelmäßig die Partner wechselte, blieb Faida allein.

»Ach, du musst nicht mehr lernen«, ließ Shaona nicht locker. »Du kleiner Musterstudent hast doch alles drauf und die Prüfung übermorgen wird ein Spaziergang für dich. Bisschen Feiern schadet nicht. Außerdem haben wir uns seit dem Vorlesungsende nicht mehr gesehen.«

Fast schon fieberhaft suchte Janus nach einer neuen Ausrede – er war schlecht im Lügen. Währenddessen drängelte Chronius darauf, mitzugehen.

»Ja … na gut«, ergab er sich schließlich, was selbst Faida ein leichtes Lächeln auf die Lippen zauberte. Sie verfolgten ihn zu den Schließfächern, wo er seine Tasche abholte.

»Endlich ist hier mal was los«, freute sich der Dämon. »Wer weiß, was der Abend bringen wird …« Es dauerte nicht lang und Janus dachte ernsthaft darüber nach, wie intelligent die getroffene Entscheidung war. Derweil säuselte Chronius ihm so manche Fantasie vor. Er hatte es offensichtlich nötig.

Shaona hakte sich bei Janus ein und, während Faida ein paar Schritte hinter ihnen blieb, verließen sie die Bibliothek und überquerten schwatzend den Campus. Sie steuerten einige Straßen weiter auf den Nachtclub Kessel zu, der sich auf den obersten Etagen eines Hochhauses befand. Auf dem Weg dorthin begegneten sie noch anderen Studenten, die sich ihnen anschlossen, bis sie eine bunte Mischung von wenigen Hexen und vielen Menschen abgaben. Der Abend war warm und sonnig und von der Dachterrasse des Clubs dröhnte schon lautstark Rockmusik. Es roch nach Gegrilltem und reifem Obst.

Der Nachtclub wurde von Hexenfreunden betrieben, weshalb die übliche Tanzmusik aufgelegt wurde. Janus mochte die wilde, abwechslungsreiche Musik, die kein Genre kannte. Obwohl die typischen Instrumente der Hexen nicht mehr allzu oft gespielt wurden, hatten die Melodien etwas Unverwechselbares an sich.

Langsam fand Janus Gefallen an der Ausgelassenheit, wobei er glaubte, dass Chronius mit dafür verantwortlich war. Während Shaona das Interesse an ihm verloren hatte, blieb Faida in der Nähe. So lange wie an diesem Abend hatte er sich nie mit ihr unterhalten, aber ihre Gesellschaft war äußerst angenehm. Sie war wirklich hübsch, wenngleich sie neben Shaona stets zu verblassen schien. [...]

Der Abend wurde lang und alkoholreich und außer Faida und Shaona lernte er viele kennen, traf andere Bekannte und amüsierte sich herrlich. Erst in den frühen Morgenstunden machte er sich auf dem Nachhauseweg, während die zwei Hexen ihn begleiteten. Ihre Wohnung befand sich einige Blocks weiter. Es handelte sich dabei um eine kleine Dachgeschosswohnung, die sie sich gerade leisten konnten.

»Na, das war richtig nett.« Shaona klapperte neben Faida her, die sie abstützen musste. Wie Janus hatte die Zurückhaltende in der letzten Stunde nur noch wenig getrunken, was sie ihm noch etwas sympathischer machte. Ihre Freundin hingegen würde nach der kurzen Nachtruhe einen Kater haben – und das, obwohl Hexen einen sehr schnellen Alkoholstoffwechsel besaßen. Janus war fast davon beeindruckt, wie sicher sie trotz hoher Absätze zurzeit auf den Beinen war. Allerdings nutzte sie auch ihren kräftigen Echsenschwanz als Stütze.

Die Straßen lagen leer vor ihnen und da sie nichts drängte, spazierten sie vielmehr. Dann war eine Art Gong dreimal zu hören und plötzlich blieb Faida stehen und sah sich über die Schulter um.

»Was ist?«, wollte der Student wissen und sah ebenfalls in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Müdigkeit und gleichermaßen der Alkohol machten sich schwer auf dem Gemüt bemerkbar, weshalb er den Klang für Einbildung hielt.

»Da ist jemand«, meinte die Zornfurie und löste sich von Shaona. »Das war eine Hexenspur.«

Hexenspur ... Janus Gehirn kam nur langsam auf die Sprünge. Van Helsing hatte ihm auch zu diesen Spuren etwas gesagt. Es waren Runen, die man auf den Boden malte. Wenn ein Mensch darüber hinwegging, passierte nichts, falls aber eine Hexe das Zeichen überschritt, wurde ein Signal gegeben. Das konnte ein Lichtblitz sein oder eben ein leises Geräusch. Jäger benutzten diese Runen ...

Faida ging ein paar Schritte zurück und suchte die Straße genau ab, jedoch schien sie nichts entdecken zu können. Sie wandte sich wieder den beiden anderen zu, erneut erklang der Gong, jetzt nur einmal. Sie blieb an der Stelle stehen, betrachtete den Asphalt und nickte dann. Sie hatte sie schon fast erreicht, als etwas zischend nur knapp an ihr vorbeiflog. Klirrend und schabend landete der große Wurfstern in einigen Metern Entfernung auf der Fahrbahn, ihre Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

»Was-«, brachte Shaona hervor, doch sie hatten bereits alle verstanden. Hexenjäger.

Das Hochgefühl, das Janus die ganze Nacht über in sich getragen hatte, war schlagartig verschwunden und einer klammen Angst gewichen. Schmerzlich fühlte er sich an den Abend des Wohltätigkeitsballs für Aphrodites Stiftung erinnert, als man gezielt nur auf ihn gefeuert hatte. Deimos hatte zu Hause öfter anklingen lassen, dass es mehr Jäger in Cataracta und besonders in Herrenburg geworden sein sollen. Und dass sie hauptsächlich Jagd auf Junghexen machten.

Aus einer engen Nebengasse trat nun ein Mann heraus. Er war groß gewachsen und trug einen schwarzen Mantel und Stiefel. In der Rechten hielt er eine blank polierte Klinge, in der Linken einen runden Gegenstand. Dabei war sich Janus sicher, dass es ein Brandbeschleuniger sein musste. Allzu alt schätzte er den Jäger nicht, höchstens Mitte 20, durch den ungepflegten Vollbart war das allerdings schwer einzuschätzen.

Der Hexer war wie angewurzelt, aber auch Faida und Shaona schienen zu überlegen, was sie tun sollten.

»Es ist egal, was ihr tut«, höhnte der Mann, der langsam näher kam. »Sterben werdet ihr so oder so.«

»Lauft!«, entschied Shaona und die drei nahmen die Beine in die Hand und eilten die Straße hinunter. Natürlich wäre es ein

Leichtes für sie gewesen, ihn umzulegen, obendrein wäre es in dieser Situation erlaubt gewesen. Allerdings sollte das immer der letzte Ausweg sein. Ständig war ihnen allen eingetrichtert worden, dass Menschen – gleich ob Jäger oder nicht – niemals getötet werden sollten. Dennoch gab es seit dem Einfluss der Triade in Cataracta das »Recht zur tödlichen Notwehr im Fall eines Jägerangriffs«. Kurz gesagt, eine Hexe durfte einen Jäger bei einem Angriff töten, da man davon ausgehen musste, dass er definitiv in Tötungsabsicht handelte. Anders wäre er nicht von seinem Ziel abzuhalten.

Der Hexenjäger schien sich keine Mühe machen zu wollen, den drei zu folgen, was Janus stutzig machte. Schnell begriff er, warum: Zwei weitere Männer, ein blonder und ein brünetter in ähnlich verlottertem Zustand und Kluft wie der erste, tauchten vor ihnen auf. Sie trugen Pistolen mit Schalldämpfer bei sich und pfeifend schossen Kugeln an ihnen vorüber, denen sie geschickt auswichen. Zu spät bemerkten sie, dass die Angreifer sie in eine Sackgasse getrieben hatten. Die Jäger hatten extra die Seitenstraßen abgepasst, die um diese Uhrzeit kaum genutzt wurden. Hier und jetzt würde sie keiner bemerken, was Janus umso nervöser machte.

»Verdammt«, fluchte Shaona und baute sich vor Faida und Janus auf.

Die drei Jäger standen ihnen gegenüber und versperrten den einzigen Ausweg. Die Häuser um die Gasse herum waren hoch. Zwar hätte Janus an ihnen hochspringen können, doch dann hätte er die Frauen zurücklassen müssen. Andererseits fragte er sich fieberhaft, wie er ihnen überhaupt hätte helfen können. Er wusste nicht, ob er die beiden ohne Weiteres in die Vergangenheit hätte mitnehmen können. Noch hatte er es nie versucht, das Dämonenchaos hervorzubringen und zu beherrschen.

»Mh«, brummte selbst Chronius missmutig. »Das sieht nicht gut für uns aus. Komm, lass uns verschwinden!«

»Nein«, erwiderte Janus ernst. »Wir lassen die zwei nicht allein.«

»Tut mir Leid, aber wir müssen kämpfen«, zischte Shaona, wohl mehr an Faida gewandt. Sie zog sich ihre Highheels aus und schmiss sie an die Hauswand. »Hilf mir.«

Daraufhin legte die Hexe ihre Handfläche zwischen Shaonas Schulterblätter und ein Impuls schien von ihr auszugehen. Janus spürte eine merkwürdig brennende Präsenz, dann knisterte Feuer. Wie eine brüllende Furie schossen die Flammen aus Shaonas Händen hervor, rasten auf die Jäger zu und wollten sich an ihnen festbeißen. Sogar ihre Augen loderten von grellem Brand.

»Komm ihr nicht zu nah«, warnte Faida Janus und folgte Shaona, die sich eher tanzend auf die Jäger zubewegte. Mit jedem Sprung und jeder Drehung warf sie Feuerkugeln nach den Angreifern, währenddessen blieb Faida stets in ihrem Schatten. Zwischen dem wilden Feuer fegten Projektile und Wurfklingen hindurch, von denen Shaona getroffen wurde. Doch die Hexe wütete weiter voran, während Faida plötzlich genauso grollend und wütend über sich hinauswuchs.

Die beiden hatten fast den Beginn der Gasse erreicht, als sie von den Jägern zurückgedrängt wurden. Das Feuer konnte ihnen nichts anhaben. Als sie aus den Rauchwolken stiegen, trugen sie Helme und ihre Kleidung brannte nicht.

»Warum müssen die es auch immer darauf anlegen …«, zischte Faida, was dem Zeithexer einen Schauder den Rücken hinunter jagte. Sie schloss die Augen und schien mit ausgestreckten Armen, Energie aus der Luft zu sammeln.

»Lass dich bloß nicht von ihr anfassen«, warnte Chronius. Sogar er wirkte angespannt. »Zumindest solange sie Zorn sammelt.«

»Ja, ich weiß schon«, erwiderte Janus und klang beleidigt. Das war eine der ersten Lektionen in der Überwesenlehre gewesen. Dämonen, bis auf die Zeitdämonen, verstärkten die Geisterelemente. So entfachte Zorn – Faidas Element – eine wahre Feuersbrunst für Shaonas Element. Würde die Zornfurie allerdings Janus mit ihrem konzentrierten Dämonensturm berühren, würde das seine Fähigkeiten gänzlich durcheinanderwirbeln, verstärken, schwächen, ihm selbst schaden. Er würde jede Kontrolle über sich und seine Kräfte verlieren, weshalb sie ihn in diesem aufgeladenen Zustand keinesfalls anfassen durfte.

Janus entfernte sich ein paar Schritte von Faida, die Jäger schossen unterdessen wieder. Er machte einen gewaltigen Satz, während Shaona zur Seite sprang. Faidas Oberkörper wurde von Kugeln durchschlagen, aber sie blieb auf den Füßen. Als sie ihre dunklen, vollkommen schwarzen Augen öffnete, brannte purer Zorn in ihnen. Dann stürzte sie begleitet von Shaonas Feuersbrunst auf die Angreifer zu. Gezielte Schläge und Tritte, die vom Zornelement verstärkt wurden, prasselten auf sie ein, jedoch wussten sie den Angriff zu parieren. Zwar gelang ihnen kein Gegenangriff, allerdings konnten sie sich die beiden vom Leib halten.

Janus kam sich immer hilfloser und nutzloser vor. Nun hatte er schon einen Dämon in sich gebunden und doch konnte er nichts ausrichten.

Hinter den drei Jägern tauchten plötzlich zwei weitere auf, die Waffen vor sich trugen, die Armbrüsten ähnelten.

»Vorsicht!«, schrie Janus, da knatterten die Schießeisen bereits und schossen binnen weniger Sekunden unzählige Metallnadeln auf die Hexen. Faida, die den Jägern am nächsten stand, war gespickt von den dünnen Geschossen und stürzte steif zu Boden. Die widerwärtige Legierung fraß sich förmlich in ihr Fleisch.

Janus versuchte die Arme vor den Körper zu bekommen und sich so klein wie möglich zu machen. Trotzdem verbrannte das Metall die Haut und lähmte seine Gliedmaßen augenblicklich. Chronius brüllte in seinem Inneren vor Schmerz. Dieses unnatürliche Gemisch nahm ihm jeden Sinn. Das Adrenalin schoss in Janus Körper wie wild herum. Eher aus Reflex als tatsächlich gewollt, wirbelte er einen Arm in weitem Bogen um sich, als wolle er die Nadeln fortwischen.

Plötzlich blieb alles stehen. Die Geschosse hingen vor ihm in der Luft, während die Jäger wie erstarrt dastanden. Shaona schien zu stürzen, doch irgendetwas hielt sie unsichtbar davon ab.

»Wir haben nur die Zeit verlangsamt – beweg dich!«, befahl Chronius, obwohl er sich unter Schmerzen wand. »Schnapp dir die Mädels und renn!«

Janus dachte nicht mehr nach, er funktionierte nur noch. Mit einem Wisch fegte er die Nadeln fort und lief zu Faida. Er wusste nicht, woher er die Kraft nahm, dennoch hob er sie mühelos vom Boden und warf sie sich über die Schulter. Shaona fiel auf eine kurze Berührung hin auf ihn herunter und hing eher schlecht als recht auf ihm. Vor ihm brannte ein heißglühender Feuerball auf Kopfhöhe, den er vorsichtig umging. Er versuchte, schneller zu laufen, jedoch gelang es ihm mit den beiden Frauen nicht. Seine Energie reichte nicht aus.

Die Zeit kehrte zurück: In die Jäger kam langsam aber sicher Bewegung, die Geschosse, die sich noch in der Luft befanden, beschleunigten.

Janus hatte die Hauptstraße erreicht, als der Zeitfluss in normalen Bahnen verlief. Er hörte sie fluchen – sie waren definitiv verwundert über die Wendung der Situation. Shaona fand Halt und löste sich wieder von Janus, nur Faida blieb bewusstlos. Die Feuerkugeln, die die Hexe nun nach den Männern schoss, waren bei Weitem nicht so beeindruckend, wie die ersten, die die Zornfurie verstärkt hatte.

Den Jägern fiel es leicht, ihnen zu folgen und Schüsse abzugeben. Janus fühlte sich erschöpft und wusste nicht wohin, doch am Ende der Straße tauchten Scheinwerferlichter auf – und sie kamen sehr schnell näher. [...]