Splitter

Die Splitter sind im Grunde eine Schreibübung. Unterschiedliche Figuren aus der Welt von Cataracta beschreiben ein und dasselbe. Ihr dürft rätseln, wer es ist. ;)

Splitter IX

Er stoppte den Wagen an der Ampel und er ließ seinen Blick von der Häuserflucht vor sich lenken. Der »Königsboulevard« war geradlinig und führte direkt zu dem Hügel, auf dem die Ruine der Königsburg stand. Im Licht der Mittagssonne blendete der ergraute Stein der Burg. Die Dächer gab es nicht mehr. Wie abgebrochene Streichhölzer ragten die Überbleibsel der Hauptwachtürme in den Himmel.
Es war viele Jahre her, als er die Burg von den Götterbergen aus hatte brennen sehen. Meterhohe, tiefschwarze Rauchschwaden waren über ihr emporgestiegen, hatten das Sonnelicht geschluckt.
Im Schatten der Burg war er aufgewachsen, hatte jeden Tag ihre Pracht gesehen. Und er war derjenige, der ihren Untergang herbeigeführt hatte. Er erinnerte sich an den Tag, als wäre es gestern gewesen und er dachte an die Entscheidung, die er getroffen hatte. So, wie die Burg in sich zusammengestürzt war, so war in ihm etwas zerbrochen. Bereits Tage bevor einige Männer und Frauen mit Fackeln und Vorschlaghammer zur Burg gezogen waren. Er war mit der Burg zerfallen, hatte innerlich gebrannt. Doch anders als dieses Gebilde ohne eigenen Herzschlag hatte er sich wieder erhoben und erneuert. Jetzt erinnerte ihn die Ruine jeden Tag an das Versprechen, dass er der Stadt gegeben hatte.

Splitter VIII

Sie liebte es im Burggarten zu spielen. Jeden Tag entdeckte sie etwas Neues. Heute war alles ganz matschig, weil es in der Nacht geregnet hatte. Der Boden saugte sich an ihren Schuhen fest und das schmatzende Geräusch brachte sie zum Lachen.
Ihre Schritte führten sie zu dem Bach, der sich durch den Garten zog. Sie mochte das Plätschern und lauschte ihm nur zu gern. Sonst setzte sie sich auf einen Stein am Uferrand, doch heute war alles nass und kalt.
Das Kindermädchen rief sie und nahm sie bei der Hand. Heute war es für die großen Leute nicht schön, draußen zu sein und deswegen durfte sie auch nicht draußen sein. Sie gingen durch den Garten, zurück zu einer Tür in der riesigen Burgmauer. Durch diese Tür durfte nur sie und ihre Familie gehen und ganz wenige Bedienstete. Das war etwas Besonderes! Auch im Burggarten zu spielen, war etwas Besonderes und trotzdem kam es ihr immer so vor, als fehle ihr etwas. Sie wusste nicht, wie sie es nennen sollte. Vieles fühlte sich so falsch an. Das Lächeln der Diener, die Worte ihres Vaters ... Deswegen war sie gern bei dem Bach, denn er hörte und fühlte sich nie falsch an.

Splitter VII

Die Burg löste in ihr gemischte Gefühle aus. Als sie ein Kind gewesen war, hatte sie im Schatten dieses Bauwerks gelebt, das mit den Jahren gewachsen war. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie die Burg ihr Gesicht verloren und doch beibehalten hatte, als sie sie nach langer Zeit in den Götterbergen wiedergesehen hatte. Mit der Burg hatte sich Herrenburg verändert, war kälter und liebloser geworden. So einsam die Feste auf dem Hügel am Silberfluss stand, so einsam blieb jeder Mensch. Mit hoch erhobenen Haupt sahen sie auf andere herab, die nicht besser waren als sie.
Sie schauderte, als sie an den Tag dachte, an dem sie mit Phobos und Ben vor dem Tor gestanden hatte, das die Herrscher vom Volk trennte. Die Luft war kühl gewesen, als atme der Stein Kälte aus. Als wolle die Burg jedem Ehrfurcht einflößen, ehe er einen Fuß auf das Pflaster in ihrem Innenhof setzte.
Jetzt stand sie auf der Terrasse ihrer Wohnung, überblickte die Stadt. Sie übertrumpfte die Höhe, die die Türme der Burg jemals erreicht hatten. Sie sah die Ruine, ein Schatten dessen, was einst war. Und dennoch vermochte es der Unrat, dass sie noch immer die ehrfurchtgebietende Burg darin sah.

Splitter VI

Ah, dachte er. Was machen sie denn jetzt? Er beugte sich etwas nach vorn, um besser sehen zu können. Ein paar Männer fällten Bäume und ebneten den Untergrund auf einem Hügel neben dem Silberfluss. Danach räumten sie den Platz frei und brachten weiße Steine hinauf.
Sie begannen, sie aufzuhäufen. Einer passte perfekt in den anderen. Wie viel handwerkliches Talent diese kleinen Menschen doch besaßen! Sie benötigten nicht einmal Mörtel.
Im Laufe der Wochen entstand ein hoher, runder Turm mit einer Wachstube zu seinen Füßen. Als Hut bekam er ein violettes Dach. Weil der Lehrling unachtsam gewesen war, waren zwei Arbeiter von dort oben abgestürzt und hatten sich die Beine gebrochen. Es sah witzig aus, wie sie unten im Gras lagen, die Unterschenkel in unterschiedliche Richtungen gedreht, als hätten sie ein zusätzliches Gelenk.
Die Jahre vergingen und es kamen neue Menschen. Sie bauten Tore und andere Gebäude an den Turm. Jeder Anbau wurde höher, die Türme ragten herausfordernd in den Himmel. Mit jedem neuen Besitzer kam ein neuer Turm hinzu, als wäre er das Namensschild des Herrschers.
Unglaublich, wie viele ihr Ego aufpolieren müssen, um am Ende nichts als Staub zu bleiben. Und auch die Burg würde irgendwann wieder Staub werden.

Splitter V

Er stand auf dem Balkon des Südflügels und betrachtete den Silberfluss, der rauschend am Fuße des Felsens dahinfloss. In seiner Kindheit hatte der Fluss anders geklungen: stärker, tosender. Doch nach wie vor wälzte sich das Wasser unermüdlich an der Herrscherburg vorüber, die er nun Zuhause nennen sollte.
Noch immer hatte er sich nicht an die Größe des Bauwerks gewöhnt. Er zog es vor, in seinen eigenen, bescheiden eingerichteten Zimmern zu verweilen, die sich im Nordanbau befanden. Trotzdem hatte er Aufträge erteilt, die Burg zu erweitern – für Personal, die Familie und des Prestiges wegen. Er musste Beratern und Adel trotz seines Rangs als König gefallen, um seine Position zu festigen.
Wie die Burg stand er fest auf hartem Fels, doch der Fluss neben ihm drohte ihn zu unterspülen. Wasser war stark, hatte seinen eigenen Willen und konnte selbst Gestein gefährlich werden ...
Gerade hatte es im Großen Saal eine Diskussion wegen der Schulreform gegeben und er brauchte eine Verschnaufpause. Nur deswegen stand er auf diesem Balkon, betrachtete den Fluss und die Stadt, die sich vor ihm ausbreitete und sich rechts und links an das Ufer des Stroms schmiegte. Wenn er ehrlich war, hasste er diese Burg, doch sie nutzte ihm.

Splitter IV

Das Herumschütteln in der Kutsche war kaum zu ertragen. Glücklicherweise hielt das Gefährt endlich und die Tür wurde für die Fahrgäste geöffnet. Nach ihrem geschätzten Vater stieg sie aus dieser fahrenden Hölle, zupfte mit geübten Fingern ihr Kleid zurecht und hob anmutig das Kinn. Ihr Blick fiel auf den Palas der Herrscherburg. Ein grober Klotz aus weißem Stein, dem man mit Spitzdächern, Fenstern aus Buntglas und Türmen versuchte, so etwas wie Eleganz einzuhauchen. Da der Hof nicht vollständig umbaut war, tauchte die Abendsonne den Bau in oranges Licht und ließ ihn geradezu brennend erscheinen.
In dem großflächigen Innenhof waren Feuerpfannen aufgestellt und entzündet worden, die die Wärme des Sommertages erhielten. Das Holz, das die Bediensteten verbrannten, roch leicht nach Weihrauch und knisterte leise. In der Luft hing außerdem der Geruch von gegrillten Speisen und süßen Früchten. Mägde schwirrten emsig umher, verteilten Wein und Appetithäppchen. Da Vater ablehnte, tat sie es ihm gleich, nickte höflich und schlug die Augen nieder, wie sie es bereits vor Jahren gelernt hatte.
Ein ernster Diener mittleren Alters kam zielstrebig auf sie und ihre Eltern zu. Er würde sie in Empfang nehmen und zur Aufwartung zum König, ihrem Gastgeber an diesem Abend, geleiten.

Splitter III

Gebeugt schlich er zwischen den bröckeligen Mauern hindurch. Es war weit nach Mitternacht, doch die Ruine war von Scheinwerfern erhellt, die man rund um das Bauwerk aufgestellt hatte. Als dürfe man den Schandfleck der Stadt auch nachts nicht verbergen. Sie strahlten die heruntergekommenen Steinwände von unten her an und verliehen dem Ganzen etwas Gespenstiges. Der kahle Stein sog Dunkelheit in sich hinein und atmeten Kälte aus. Manchmal fragte er sich, wie die Burg zu Zeiten der Drake ausgesehen hatte. Doch Königshäuser gab es schon lange nicht mehr und in Cataracta hatte es nie einen Rivalen zur Herrenburg gegeben.
Er überquerte den mit Kopfsteinen ausgelegten Innenhof. Hier hatten die Reit- und Kampfübungen der Prinzen stattgefunden und er verband die Gebäude der Burg miteinander. Dieser Hof war das Zentrum der Burganlage und wurde über drei Tore mit den Außenanlagen verbunden.
Er steuerte auf den noch einigermaßen erhaltenen Palas zu. An ihn klammerten sich drei Türme, die die Kämpfe der Revolution und die Zeit des Verfalls überdauert hatten. Er richtete sein Augenmerk auf den Riss in der Mauer. Hier gab keine Tore mehr, vielmehr sah es so aus, als hätte jemand die Wand von oben nach unten aufgerissen, um sich Zugang zu verschaffen.

Splitter II

Er blieb ehrfürchtig stehen. Von der Burg hatte er schon viele Bilder in seinen Büchern gesehen, doch nicht eines konnte die Erhabenheit dieses Bauwerks widerspiegeln. Er kannte die Burg als Ruine, ein kläglicher Schatten ihres einstigen Ichs. Von den zahlreichen Türmen und dem Palas war kaum etwas übrig geblieben.
Doch gerade jetzt war sie riesig, aus hellen Gestein und die Dächer allesamt mit violetten Schindeln gedeckt. Sie ragte in den Himmel, als wollte sie sich mit ihm messen und das, obwohl sie verglichen mit den Hochhäusern der Zukunft nicht mithalten konnte.
Er hatte gelesen, dass die ersten Teile der Burg weit vor der Drake-Herrschaft errichtet worden waren, damals nicht mehr als ein Turm mit einer Wachkammer. Mit der Zeit wurde sie erweitert, bis sie die gesamte Anhöhe direkt neben dem Silberfluss eingenommen hatte und das Heim der Herrscherfamilie geworden war.
Obwohl sie ursprünglich zur Verteidigung erbaut worden war, hatte sie diese Aufgabe schnell verloren. In Cataracta herrschten kaum Kriege und seit Herrenburg zur Hauptstadt ernannt worden war, stand die Burg vor allem für eins: Prunk und Statussymbol des Herrschers. Gewaltige Feste wurden gefeiert, große Namen geboren und am Ende ... am Ende war nichts als eine bedauernswerte Ruine geblieben.

Splitter I

Sein Blick glitt über das gewaltige Gemäuer vor ihm, dass sich vor ihm über die Stadt erhob. Gerade wurde an einem neuen Turm gearbeitet, der den Komplex erweitern sollte. Kurz überschlug er, wie viel das kosten würde. Dann fragte er sich, wie viele arme Seelen dafür Tag und Nacht schuften mussten, um den Drake ihr Leben noch angenehmer zu machen. Schon vor einer Weile hatte er berechnet, wie viel die Burg bisher etwa gekostet und wie viele Menschen daran gearbeitet hatten.
Der Turm, noch hinter Baugerüsten verborgen, fügte sich widerwillig in das bereits vorhandene Bauwerk ein. Die Steine, aus denen er gebaut wurde, waren heller als die anderen, die Wind und Wetter schon eine Weile ausgesetzt waren. Auch er würde mit den violetten Schindeln gedeckt werden, wie es alle Dächer der Königsburg waren. Doch es würde nicht lange dauern und der Turm wäre so wie die anderen. In zwanzig Jahren hätte er (der Sprecher) nicht mehr mit Gewissheit sagen können, welcher der eine Turm gewesen war, den er jetzt betrachtete.
Trotz seiner Abneigung gegen den Adel und die, die sich für etwas Besseres hielten, hätte er insgeheim auch gern in so einer Burg gelebt. In diesem unverschämten Luxus.