Smaragde und Eis

I

Es war warm und stickig. Kerzen, wohin man auch sah, erhellten und wärmten den Tanzsaal, in den nach wie vor Besucher strömten. Jade war mit seiner Mutter einer der Ersten gewesen, die den Saal betreten hatten und nun langweilte er sich zu Tode. Der Hofmeister rief unermüdlich einen Neuankömmling nach dem anderen aus. Stellte jeden einzelnen mit Namen und allerlei Titeln vor. Je später die Gäste, umso länger wurde die Präsentation.
Die Fliege saß viel zu eng und am liebsten hätte Jade den Frack abgelegt. Allerdings wusste er genau, dass das nicht angebracht war. Der Anzug und alle Teile, die dazugehörten, mussten anbehalten, nicht beschmutzt und mit Würde getragen werden. Also straffte er den Rücken und nickte höflich den Damen und Herren zu, die an ihm vorüber flanierten und ihre Kleider zur Schau trugen.
Die Stoffe wurden edler, die Verarbeitung teurer. Die Gesichter der Frauen waren mit Puder verputzt wie eine Hauswand, das Parfüm schwerer und aufdringlicher. Die Luft wurde noch etwas dicker ...
Jades Mutter, Valery Morgul, stand zu seiner Rechten. Ihr Kleid war alt und mehrfach geändert, sodass es neu aussah. Man sah es am stumpfen Glanz des Stoffs und dem leichten Grau der Spitze. Valery war die jüngste Tochter einer Händlerfamilie. Ihr Vater war früh verstorben und ihre Mutter hatte es eilig gehabt, die fünf Mädchen unter die Haube zu bringen. Mit 14 war sie mit Raphael Morgul verheiratet worden, der zu dieser Zeit die 30 längst überschritten hatte und zum niederen Adel zählte. So war sie schnell in der Gesellschaft aufgestiegen und ebenso schnell zur Witwe geworden. Eines Morgens, wenige Tage vor Jades Geburt, war ihr Mann auf dem Weg zu einer Ratsversammlung gewesen und war hinter ein ausschlagendes Pferd geraten. Es hieß, das Tier wäre vor einem Feuerstoß erschrocken und hatte ihm in seiner Furcht den Schädel zermalmt. Seine Mutter hatte ihm anvertraut, dass der Feuergeist, der sein Vater war, das für sie getan hätte.
Der Junge hatte schnell festgestellt, dass Raphael, den er nur von Gemälden in der Villa kannte, nicht sein Vater sein konnte. Er hatte dunkles, dünnes Haar und tiefbraune Augen gehabt, pausbackige Wangen und einen plumpen Körperbau mit dicken Stummelfingern. Jade war blond mit grünen Augen und athletischer Statur.
Jade hing einen Moment seinen Gedanken nach und vergas dabei den Ort, an dem er sich befand und ließ die Lippen flattern.
»Ich weiß, es ist langweilig«, zischte Valery sofort und gab ihm einen Klaps auf den Arm. Sie sah ihn finster an, doch dann grinste sie frech. »Halt noch etwas durch, dann schlagen wir uns den Bauch voll und verschwinden wieder.«
Der Plan gefiel ihm. Seine Mutter war so viel jünger als die meisten Frauen hier und hasste diese Feste so wie er. Sie hatte ihn mit 15 zur Welt gebracht und war mit ihren 26 Jahren in einem schlechten Alter, was die Gunst anderer betraf. Die Männer warfen durchaus ein Auge auf sie, denn sie war hübsch, hatte breite Hüften, eine schlanke Taille und straffe Brüste, doch das schürte nur die Missgunst der Frauen. Valery beugte sich den Anstandsregeln des Adels so weit wie nötig, um sich dann schnell mit ihrem Kind aus der Affäre zu ziehen. Einen neuen Mann wollte sie ohnehin nicht: Sie lebten von Raphaels Gütern bescheiden, aber nicht arm und sie bevorzugte ihre Freiheit über alle Maßen mehr als die Ehe. Außerdem hatte sie ihre Pflicht erfüllt: Die Morguls hatten einen gesunden und klugen Erben.
»Hast du die Baroness von Hirschfeste gesehen?«, flüsterte Valery und musste sich ein Kichern verkneifen. Jade nickte wissend. »Die Farben passen wie immer überhaupt nicht zusammen«, erwiderte er.
»Und die Coursage sitzt nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ist wieder fetter geworden.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Oder doch schwanger.«
Jade zuckte nur die Achseln.
»Virgil van Helsing, zwölfter seines Namens, Ratsherr der Südviertel, Würdenträger der van Helsing Dynastie, Professor für Sprache und Historie.« Der Junge wurde hellhörig und der Hofmeister fuhr fort: »Seine Gattin Clara van Helsing gebürtige Derycken, Schutzherrin der Stiftung für Bildung und Wissen. Cathrin van Helsing, Virgils Tochter.«
Auf diesen Namen hatte Jade gewartet und Valery entging es nicht, dass sein Herz für einen Schlag aussetzte und seine Augen zu leuchten begannen.
»Sie ist noch schöner als beim letzten Mal«, flüsterte er.
Sie nickte. »Oh ja, das ist sie. Sieh nur die hübsche grüne Seide. Passt wundervoll zu ihrem roten Haar.«
»Mit Wildblumen hat sie es heute verziert«, entdeckte er. Cathrin war wahrlich die Schönste, die er je gesehen hatte. Und mit jedem Mal wurde sie bezaubernder. Ihre Haltung war perfekt, ihr Benehmen ohne Tadel. Doch manchmal, ganz selten, ließ sie ihre Maske fallen und zeigte das erfrischendste Lachen, das ein Mädchen haben konnte.
Sie war etwas älter als er und hatte sich seit ihrer letzten Begegnung verändert. Ihre Lippen waren voller geworden und das Gesicht schmaler. Im vergangenen Jahr war sie gewachsen, hatte ihre Mutter an Größe überholt. Und wie Valery schelmisch bemerkt hatte, »bekam sie Titten«.
Van Helsing schritt mit seinen beiden Damen an den Morguls vorüber ohne Notiz von ihnen zu nehmen. Cathrins frischer Duft kitzelte Jades Nase und sie blickte scheu zu ihm herüber. Ein Lächeln, so zart, das man es nur zu leicht übersah, kräuselte ihre Lippen. Er war noch jung und unerfahren, aber er wusste, dass er dieses Mädchen über alles liebte.
»Komm«, hörte er sich sagen und streckte ihr die Hand entgegen. »Lass uns tanzen.«

II

Bestimmt zum hundertsten Mal sah sie sich über die Schulter um. Ihre Füße trugen sie flink über Stock und Stein. Mal übersah sie eine Wurzel, stolperte und fing sich wieder. Sie hatte nicht viel Zeit, denn die Zofe würde sie bald vermissen. Aber es war die einzige Gelegenheit ihn zu treffen. Sie hatte Jade seit dem vorletzten Erntedank nicht mehr gesehen. Seine Mutter wurde nicht mehr zu den Festlichkeiten des Adels eingeladen, weil sie mit den Geistern im Bunde wäre. Man hatte sie wie eine Kriminelle ausgeschlossen.
Doch vor ein paar Tagen hatte Cathrin ein Brief erreicht. Es war nur ein kleiner Fetzen alten Pergaments gewesen, eng aber elegant beschrieben. Sie wusste sofort, dass er von ihm war. Nur er wählte diese Worte.
Schon einmal hatten sie sich vor Jahren im Tal getroffen. Der Frühling war gerade angebrochen, hatte den Tag in Düfte, Sonnenschein und Freude getaucht.
Ihre Füße trugen sie immer schneller. Sie raffte den Rock enger um den Körper, um sich im Gestrüpp des Unterholzes nicht zu verfangen, und eilte weiter. Der Wald wollte kein Ende nehmen, die Bäume nicht weichen. Aber sie war auf dem richtigen Weg.
Endlich – endlich – wichen die grünen Riesen und gaben die geheime Lichtung preis. Dort saß er auf einem Findling, der wie ein Sitz aus der hohen Wiese aufragte. Das blonde Haar hatte er zusammengebunden, die Augen leuchteten im Sonnenschein wie Edelsteine. Sein Lächeln, so offen und ehrlich wie nichts, dass Cathrin aus ihrer kalten, engen Welt kannte, strahlte sie an.
Er sprang von dem Felsen herunter, lief ihr entgegen und sie ließ sich in seine Arme fallen, lachte und jauchzte, als er sie um sich wirbelte. Sie fielen gemeinsam ins Gras und sie schmiegte sich an ihn. Wie sehr hatte er ihr gefehlt. Die Feste, die Gesellschaften – ach, das ganze Leben war schrecklich farblos ohne ihn. Ohne jedes Feuer.
Er hatte sich genauso verändert, wie sie und ihr Umfeld sich gewandelt hatten. Er hatte sich zu einem stattlichen, jungen Mann entwickelt und trotz seiner ehrlichen Art hatte er etwas verwegenes an sich. Aus ihr war eine redliche Frau geworden, die die Etikette beherrschte, klug und belesen und dabei stets zurückhaltend war. Ihre Eltern suchten mittlerweile nach einer geeigneten Partie für sie und planten Hochzeit.
Doch Cathrin hasste die Vorstellung, irgendeinen Mann, der Geld und Einfluss hatte, zu ehelichen und für ihn Tag ein, Tag aus, eine Maske zu tragen. Sie wollte nur an Jades Seite sein, mit ihm durch die Wiesen und Felder streifen und dabei nicht sie selbst sein.
In ihm lebte Geisterfeuer. Nicht das wilde, zerstörerische Feuer, sondern das voller Tatendrang und Herzlichkeit. Jedoch durfte sie nicht bei ihm sein. Seit Valery ausgestoßen worden war, hatte es ihr Vater verboten und ihre Mutter hatte sich dem gebeugt. So kam sich Cathrin wie im goldenen Käfig vor, obgleich sie ihre liebsten Gefährten bei sich hatte: ihre Bücher und Geschichten. Doch keines dieser Märchen kannte einen Helden wie Jade. Sie waren alle ernst, bedacht und mit Ehre schwer beladen. Wenigstens einmal wollte sie es erleben, nicht vernünftig zu sein. Einmal wollte sie wild wie die Winde und das Feuer sein.
Er drückte sie an sich und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. »Ich fürchtete, du würdest nicht kommen«, gestand er.
»Niemals würde eine seiner Einladungen ausgeschlagen werden«, erwiderte sie in der Sprache, die anderen unbequem doch ihr vertraut war.
»Aber es war bestimmt nicht leicht.« Zärtlich strich er eine Strähne aus ihrer Stirn und verlor sich in ihren Augen, in denen sich all die Geschichten spiegelten, die sie jemals gelesen hatte.
»Wenn ein Geist nicht gesehen werden will, sieht ihn keine Seele.« Sie ließ die Maske fallen, zeigte das Lächeln, das sie sonst verbarg. Doch niemals vor ihm.
»In dir lebt auch das Wesen der Geister und Dämonen«, stellte er fest und es überschattete für einen Moment seine Freude.
»Wie ergeht es seiner Mutter?«, erkundigte sich das Mädchen, denn sie wusste sofort, dass er mit sich selbst haderte. Wie sie konnte er nichts dafür, dass ein Überwesen ihn ins Leben gerufen hatte, doch Valery hatte deswegen Schreckliches auszustehen. Cathrins tatsächlicher Vater war ein Dämon, wie es ihr ihre Mutter unter Tränen und im Geheimen anvertraut hatte, als die Morgul aus der Gesellschaft des Adels ausgestoßen worden war. Gut möglich, dass das Clara van Helsing auch bevorstand ...
»Ich habe nachgedacht«, sagte Jade seltsam ernst. Er setzte sich auf und wich zunächst ihren Blicken aus.
»Was hat er?«, fragte sie und ihre Stimme zitterte vor Angst. Sie wusste nicht, was sie fürchtete, doch da war etwas. Vielleicht die Sorge, ihn verlieren zu können ...
»Ich habe von einem Mann gehört«, begann er. »Er ist wie wir und reist durch das Land. Meine Mutter hat sich von den Waschweibern im Dorf erzählen lassen, dass man ihn anlocken kann, aber es ist gefährlich.« Er machte eine Pause und betrachtete sie lang. »Er trinkt Blut. Er ist ein Monster ... aber er ist wie wir.«
Ihre Augen weiteten sich. »Will er damit sagen, dass ...«
»Meine Mutter wird ihres Lebens nicht mehr froh, wenn ich bei ihr bleibe. Ich bin alt genug – und du bist es auch. Wir können den Mann finden und uns ihm anschließen. Du hasst die Welt, in die man dich gesperrt hat. Wenn wir jetzt nicht gehen, werden wir es nie tun!«
»Aber ...«, versuchte sie zu widersprechen.
»Du bist jetzt 17 Jahre alt. Es wird nicht mehr lange dauern und deine Eltern werden dich verheiraten und wenn du Glück hast, wird nie irgendjemand erfahren, dass in dir das Blut eines Dämons fließt. Aber ich weiß genau, dass es dein Herz zerreißen wird, wenn du dieses Leben führen musst.« Er griff nach ihren Händen, umschloss sie fest mit seinen zarten Fingern. »Bitte.« Das Grün seiner Augen funkelte im Sonnenlicht. »Komm mit mir.«

III

Am Himmel zog ein Sturm auf. Dunkle Wolken schoben sich bedrohlich auf das Gebirge zu und die Sonne floh in die Dunkelheit. Donner grollte in der Ferne und der Wind fuhr fauchend über die Wälder.
Jade saß an der Felskante vor der Hütte, die der Eingang zum Refugium der Hexen war, und starrte in die Finsternis des Sturms. Es war nun sieben Jahre her, doch immer an diesem Tag suchte ihn eine schreckliche Melancholie heim. Valery war einsam und elend an einer Erkältung verendet. Keiner hatte sich um sie geschert und Jade wusste nicht recht, ob er es bereuen sollte, zu den Hexen gezogen zu sein, anstatt bei ihr zu bleiben.
Der Wind strich durch sein nun weißes Haar, zerrte an den ledernen Flügeln, als wolle er ihn mit sich in den Himmel reißen. Es war die Zeit zum Fliegen. Es war die Zeit zum Fliehen – vor sich selbst und den eigenen Gedanken.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Als er aufsah, sah er in Cathrins klare, blauen Augen und verlor sich einen Moment in ihnen.
»Ich erwartete ihn hier draußen«, sagte sie. Sie raffte ihren Rock zusammen und setzte sich neben ihm. Wie immer trug sie ihre geschnürten Stiefeletten, die er ihr aus der Stadt mitgebracht hatte. Das neue Kleid, das sie aus schwarzer Seide genäht hatte, stand ihr wundervoll. Das lange, schneeweiße Haar trug sie offen und es tanzte im stärker werdenden Wind.
»Ich dachte, es würde mit den Jahren leichter werden«, begann er. Sie nahm seine Hände in ihre und legte den Kopf an seine Schulter. »Da sind Geschehnisse, die sich einbrennen wie heißes Eisen in Haut. Er wird es nie vergessen und es wird niemals leicht sein. Aber er wird einen Weg finden, wie es sein Lächeln nie besiegen wird.«
Tatsächlich stimmte ihn das etwas froher.
So saßen sie eine Weile nebeneinander und lauschten dem Sturm, bis sie sich erhob. »Lass er uns fliegen«, sagte sie, während sie den Stoff glattstrich. Sie zog ihn an der Hand. »Na los.«
Er stand eher widerwillig auf und aus ihrem Rücken wuchsen Schwingen, bewachsen mit unzähligen weißen Federn. »Der Wind steht gut.« Sie lächelte. Das Lächeln, das sie nur ihm schenkte.
Sie breitete die Fittiche aus, ließ den Wind über sie streichen und ließ sich über die Felskante fallen. Sie stürzte in die Tiefe, bis sie die Flügel mit Luft füllte und sich aufwärts tragen ließ. Jades Fledermausschwingen zitterten im Wind, denn sie wollten genauso mit den Wolken und dem Sturm tanzen, doch sein Herz war zu schwer, um zu fliegen.
Cathrin zog eine weite Runde am Himmel und steuerte direkt auf Jade zu. Als sie ihn erreicht hatte, hielt sie sich vor ihm in der Luft, die Flügel ohne Bewegung. Sie war die größte Illusion, die er kannte. Die Frau, die an seiner Seite war und doch nie bei ihm ...
»Komme er.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Der letzte Tanz liegt schon in Vergessenheit.«
Also ergriff er ihre Hand, entfaltete die Schwingen und ließ sich vom Wind und ihrer Liebe tragen. Gemeinsam stiegen sie höher, ständig umeinander kreisend. Sie kamen sich näher, trennten sich, berührten sich mit den Fingerspitzen und verloren sich erneut.
Cathrin flog nicht, sie schwebte. Die Flügel waren nur Zier bei dem Tanz, den sie nur für ihn tanzte. Weiß und Schwarz mischten sich in unendlicher Schönheit. Eis glitzerte in ihrem Haar und auf ihrer Haut, denn vollständig konnte sie sich nicht von der Kälte ihrer Seele trennen.
Wie konnte man gleichzeitig jemanden vermissen und sich erfüllt fühlen? Wie konnten Glück und Leid im ewigen Sturm so nah beieinander sein?
Doch sie verstand den Schmerz und die Unruhe. Sie flog mit ihm in weiten Bahnen, berührte seine Schwingen mit ihren und war so nah und doch ewig entfernt.
Als sie schließlich landeten, war sie vor ihm. Ihre Flügel waren verschwunden, denn niemand sollte wissen, dass sie diese Gabe besaß.
Vorsichtig legte er seine Arme um sie, schmiegte den Kopf an ihren und weinte Tränen der Trauer und Freude.
»Was auch geschieht, ich werde seinen Weg begleiten«, flüsterte sie.
»Was auch geschieht, ich werde dich nie verlassen«, versprach er.