Diese Kurzgeschichte reiht sich in das Geschehen von Cataractas Kinder ein und erzählt eine Geschichte, wie sie in der Reihe nicht auftauchen wird.

Lava und Magma

Der Wind riss an ihrem Haar, kaum dass Samsara den Nadelwald verlassen hatte. Zwischen den hohen Kiefern und Fichten hatte es sich vollkommen windstill angefühlt. Nur wenn sie einen Blick durch das Blätterdach auf den Himmel erhascht hatte, hatte sie gesehen, wie die wilden Winde Wolkenberge vor sich hergetrieben hatten.
Im späten Frühjahr war sie aufgebrochen und war mittlerweile seit 2 Monden unterwegs. Sie hatte sich nur schwer von dem Felsvorsprung trennen können, auf dem sie gelebt hatte. Doch sie wusste, dass sie andernfalls die Welt und die Überwesen nicht kennenlernen würde.
Allein war sie dabei nie – auch wenn es auf den ersten Blick so erschien. Seit sieben Jahren war sie niemals mehr einsam. Seitdem lebte der Erdgeist Mikage Ishi in ihr, der ihr Pferdebeine und die Gewalt über die Erde geschenkt hatte. Anfangs hatte sie sich mit den Tierbeinen schwergetan, die Knie abwärts mit dunklem Fell bewachsen waren. Die Umwandlung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Bis zu diesem Tag wusste sie nicht, wie sie das überstanden hatte. Jetzt hatte sie sich an ihre neuen Beine gewöhnt, die sie viel schneller durch die Welt trugen. Umgefallene Baumstämme und Felsen übersprang sie mühelos.
Der Erdgeist war ein stiller Begleiter. Er ruhte fast den ganzen Tag, brummte höchstens vor sich hin. Es musste etwas sehr Wichtiges sein, um ihm ein paar Worte zu entlocken. Ganz anders war das mit dem Wassergeist Kaiyô. Samsara kannte den Hüter des großen Flusses viele Jahre, ehe sie ihn in ihrer Seele versiegelt hatte. Er begleitete sie seit zwei Jahren, hatte ihre Haut an den Unterarmen und dem Rücken schuppig wie die eines Fisches werden lassen. Das half, wenn man jemandem entwischen wollte. Er hatte ihr die Macht über Wasser gewährt. Jedes Gewässer konnte sie formen und lenken, wie sie es wünschte.
Kaiyô quasselte den ganzen Tag. Ohne Unterlass. Oft fragte sie sich, ob er nicht irgendwann kein Thema mehr fände, doch ihm fiel erstaunlicherweise immer etwas ein.
Sie hatte ihn während einer Trockenzeit in den Götterbergen in sich gesperrt. Die Feuergeister waren in diesem Jahr stark gewesen, hatten sich die Vorherrschaft über die Elemente im Jahreskreis gesichert. Der Flussgeist war geschwächt gewesen, die Bindung leichter als erwartet. Ab und zu bereute Samsara jedoch ihre Wahl ... bestimmt gab es stillere Wassergeister in Cataracta. Doch vor zwei Jahren hatte sie nicht suchen wollen.
Mit Kasai war es anders gewesen. Der Feuergeist, und bisher letztes Überwesen, das die Hexe in ihren Körper gebunden hatte, hatte in den Grünebenen um Cataractas Hauptstadt gewütet. Der Geist hatte eine Feuersbrunst nach der nächsten über Bauernhöfe und Ortschaften gejagt. Kein Opfer der Menschen war ihm genug gewesen, seinen Zorn zu mäßigen. Kasai war stark gewesen – mächtiger als jedes andere Überwesen, mit dem es Samsara vorher zu tun gehabt hatte. Und das obwohl er nicht größer als ein Schulkind war, zierlich und schmächtig. Doch die Feuer, die ihm gehorchten, waren wild, hungrig und stark. Sie hatte ihn nur in seine Schranken weisen wollen, doch sie hatte gespürt, dass er sie betrügen wollte. Er hätte weiter zerstört, wenn sie ihm die Chance gegeben hätte. Doch ihn zu töten, kam für sie nicht in Frage – obwohl sie dazu in der Lage gewesen wäre.
Also band sie den Feuergeist in ihre Seele. Kasai gab ihr widerwillig die Kraft über die Feuersbrunst und einen starken Echsenschwanz. Mittlerweile hatten sie sich aneinander gewöhnt und der Geist sich in sein Schicksal gefügt. Manchmal diskutierte er trotzdem noch über dieses und jenes.
Nun war sie in den Götterbergen unterwegs, suchte Überwesen und das Wissen über sie. Seit sie ein Kind war, lebte sie im Gebirge und war dem Unsterblichem näher, als jeder Mensch es vor ihr war. Dennoch hatte Samsara das Gefühl, dass sie nichts über sie wusste. Tief in ihrem Inneren glaubte sie an ihre Bestimmung, die Geister und Dämonen zu studieren, ihre Macht zu beherrschen und zu nutzen. Irgendwann wollte sie dieses Wissen an andere weitergeben, die genauso waren wie sie.
Der Wind zerrte an ihr, doch sie schritt entschlossen weiter. Vor ihr breiteten sich die kargen Gipfel des Gebirges aus, lockten mit Gestein, Kraft und Einsamkeit. Doch irgendwo in der Stille war ein Grummeln. Es war so leise, dass sie es bei dem Sturm, der hier oben herrschte, nicht hören konnte, doch sie spürte die Vibrationen in der Erde.
»Woher kommt dieses Grollen?«, fragte sie ihr Inneres.
»Keine Ahnung. Es klingt, als würde die Erde die Zähne aufeinanderschlagen und Knirschen lassen. Eine rüde Art der Kommunikation, wenn du mich fragst.«
»Ach, sei still«, zischte Kasai. »Die Frage war nicht an dich gerichtet.«
»Ich weiß, an wen die Frage gerichtet war. Aber meinst du wirklich, dass der feine Mikage Ishi diese Frage als wichtig genug erachtet, sie der werten Samsara zu beantworten?«
Tief in ihrem Unterleib spürte sie das dumpfe Brummen des Erdgeists. »Nordwesten.«
Es war eher eine Eingebung, die durch Samsaras Kopf glitt, als dass er tatsächlich geantwortet hätte. Wenn er mit ihr sprach, dann meist nur über ihre gemeinsame Gedankenwelt. Das war auch der Grund, warum sie ihre Sinne immer für die Überwesen in ihrem Inneren offenhielt, obwohl sie besonders Kaiyô manches Mal zu gern ausgesperrt hätte.
Sie setzte sich in Bewegung. Dieses Mal schneller. Sie hatte alle Zeit der Welt, doch die Neugier trieb sie an. Behänd sprang sie über Gestein und Spalten, schob mit der Macht der Erde ein paar Felsbrocken beiseite, die den Aufstieg unnötig erschwerten. Die Erdgeister, die hier hausten, würden sich kaum daran stören und es irgendwann in Ordnung bringen. Die Erde im Gebirge war träge und müde, und dabei so mächtig, dass das Abbrechen eines Kiesels kaum ihrer Aufmerksamkeit bedurfte.
Das Grollen wurde stärker, übertrug sich über Samsaras Hufe in ihren ganzen Körper. Selbst Mikage Ishi schien es aus seinem Schlaf zu rütteln. Hinter einer zerklüfteten Spitze kam das Zentrum der Vibrationen zum Vorschein. Ein Krater, glatt und aus dunklem, fast schwarzem Gestein ragte zwischen den anderen grauen Riesen wie ein Fremder empor.
Kasai loderte auf. »Hier herrscht Feuer.« In dem Geist erhob sich Erregung.
»Also ich finde das nicht so berauschend«, jammerte Kaiyô. »Warum muss Feuer immer so gierig sein? Hätte es sich nicht mit dem zufriedengeben können, was es hat? Muss es den Bergen ihr Reich streitig machen?«
»Das ist ein Vulkan«, presste Kasai hervor. »Ein Werk, das Feuer und Erde zusammen erschaffen haben. So mächtig, dass es ganze Heerscharen zu vernichten weiß! Ich muss es sehen! Samsara, bitte, wir müssen es uns ansehen! In meinem armseligen Leben, in dem ich Feuersbrünste schürte, um Dörfer niederzubrennen, wäre ich nie an diesen Ort geraten.«
»Bäh!«, empörte sich Kaiyô. »Dort ist es heiß und ... überall Feuer und wir werden von Erde eingeschlossen sein!«
Samsara rollte mit den Augen. Wenn sie bisher etwas gelernt hatte, dann dass Wasser es hasste, eingesperrt zu sein. Es wollte immer seinen eigenen Weg gehen und freiwillig unter Tage zu fließen und sich der Hitze eines Vulkans auszusetzen, war überhaupt nicht seine Art.
Wenn sie nicht sofort entschied, würde die Diskussion zwischen den Elementen ewig andauern. Kasai brannte darauf, das Reich der Vulkangeister kennenzulernen, Kaiyô fürchtete es, Mikage Ishi war es gleichgültig. Und in Samsara wuchs die Neugier.
Flink näherte sie sich dem Vulkan und das Grollen wurde deutlicher. Mittlerweile hörte sie das Rollen und Donnern über den Wind hinweg. Die Erde zu ihren Hufen vibrierte.
»Ich finde immer noch, dass das eine saublöde Idee ist!«, jammerte Kaiyô.
»Gehen wir unter die Erde?«, wollte Kasai stattdessen wissen. Das erschien auch Samsara als das Sinnvollste. Sie festigte ihren Stand und nahm die breitbeinige Haltung ein, die sie zusammen mit ihrem Erdgeist entwickelt hatte. Sie winkelte die Arme an, ballte die Hände zu Fäusten. Sie richtete ihren Blick auf das Vulkangestein vor sich und versetzte der Luft zwei kräftige Hiebe. Das Gestein brach auf, legte einen Gang frei, der gerade hoch genug war, um aufrecht hindurchzugehen. Samsara stieg in den Berg hinab, erweiterte den Gang mit gezielten Schlägen, wenn sie am Ende des Tunnels angelangt war. Je tiefer sie kam, desto wärmer wurde es. Kasai wurde angespannter, Kaiyô jammerte wie ein Kleinkind. Selbst Mikage Ishis Ruhe und Trägheit schienen wie weggeblasen.
Endlich hatte sie einen Hohlraum erreicht. Hitze schlug Samsara entgegen. Gluthitze, die kaum auszuhalten war. Binnen weniger Sekunden stand der Hexe der Schweiß auf der Stirn und Kaiyô wurde noch nervöser.
»Halte das Wasser in Bewegung, lass es meine Haut nicht verlassen«, wies sie den Wassergeist an. Das würde sie kühlen und ihm eine Aufgabe verschaffen, die ihn hoffentlich von seinen Sorgen ablenken würde.
Noch bewegten sie sich auf Gestein, doch in der Ferne hörte Samsara Brodeln und Kochen. Blasen zerplatzten, es roch nach Schwefel und Metall. Sie gelangte an ein gewaltiges Becken, gefüllt mit flüssigem Feuer. Kasai zitterte in ihrem Inneren vor Erregung. »Das ist ... wunderschön ...« Seine Stimme bebte. »Diese Kraft ... diese Macht!«
In das Magma kam Bewegung. Es wurde aufgewühlt, warf sich auf und formte sich zu einem schlanken Körper. Eine Schlange erhob sich aus der zähen Flüssigkeit mit Augen aus roten Flammen und Schuppen aus fließendem Stein. »Wer wagt es, mein Reich zu betreten?! Wer bist du kleines Wesen, dass du dich erdreistest, hierher zu kommen?«
Die Hexe ging auf die Knie. »Ich bin Samsara.«
Die Schlange betrachtete sie skeptisch. »Verschwinde«, zischte sie. »Erinnere mich nicht an die Welt, die ich ohnehin nie sehe.«
Sie stutzte. War dieses Feuer ohne Enthusiasmus? Auch Kasai war enttäuscht und wandte sich direkt an den Geist: »Du bist die mächtigste Glut auf der Welt! Warum bist du so missmutig?«
Die Schlange kniff die Augen zusammen und bewegte den Kopf näher an Samsara heran. Die Zunge, gespalten und brennend, zuckte ihr entgegen, berührte sie fast am Gesicht. Er musterte ihren Bauch, wo er den Feuergeist vermutete. »Ich wusste nicht, dass Menschen meinesgleichen in ihre sterblichen Körper zwingen können.«
»Ich bin kein Mensch«, widersprach Samsara. »Ich bin ein Halbwesen. Mein Vater war ein Wassergeist.«
»Sachen gibt’s ...« Die Schlange zog sich zurück. »Von so etwas hat mir Zürnen gar nichts berichtet.« Das Grollen, das schon den gesamten Berg und sein Umland erfüllt hatte, erklang nun auch in der Stimme des Feuerreptils. »Wieder etwas, das mir dieser Schuft vorenthält!«
In die Flüssigkeit kam bewegen. Das Magma schwappte über den Rand des Beckens und die Feuerschlange, gute 20 Meter lang, schoss heraus, drängte in den Nebenraum, dessen Decke sich zur Mitte immer mehr verengte und in einer kreisrunden Öffnung mündete. Samsara trat hastig zurück, bevor das geschmolzene Gestein sie erreichen und an den Beinen verbrennen konnte.
»Zürnen!« Der Feuergeist drückte sich bis an den Rand des Kraters, das Magma folgte ihm, floß an seinem Körper empor.
»Bei den Quellen der Wassergeister!«, kreischte Kaiyô. »Er bricht aus. Der Vulkan bricht aus!«
»Wie wunderschön!« Kasai schien mit in Flammen zu stehen. »Brich aus! Übergieße das Land mit deiner Schönheit!«
»Ach, ist es wieder soweit?« In der Öffnung tauchte das Gesicht einer anderen, sehr viel kleineren Schlange auf. Sie bestand wie die Erste aus flüssigem Feuer, war jedoch Goldgelb. Weiße Funken sprühten hämisch in den Augen. »Na, Brüllen? Gibst du mir dein Gut oder lässt du es und verkriechst dich schmollend in dein Königreich?«
»Forder mich nicht heraus!«, grollte Brüllen und mit ihm der gesamte Berg.
Zürnen lachte. »Du weißt so gut wie ich, dass ich dich nicht herausfordern muss und trotzdem immer gewinnen werde. Du kommst hier nicht raus.« Er machte eine Pause. »Also ... brichst du aus oder nicht?«, spottete er.
Samsara betrachtete das Schauspiel eine Weile. Die Schlangen stritten wie die Spatzen um Brotkrumen. Nach einigem Hin und Her glaubte sie das Problem, das die beiden miteinander hatten, erkannt zu haben: Brüllen schürte die Feuer im Berg, schmolz Gestein und Metalle zu glühendem Magma und trug es an den Krater des Vulkans. Dort versperrte Zürnen den Weg für ihn, nahm nur das flüssige Gut entgegen und schickte es den Berg hinab. Brüllen war im Berg gefangen, Zürnen thronte an der Spitze, war für immer der Wärter seines Bruders. Die Erdgeister, die hier lebten, mischten sich in den Zwist der beiden nicht ein und ergaben sich in ihr Schicksal, den Berg mit Feuer zu teilen. Weil der Feuerberg durch die Schlangen wuchs, konnten sie ihn mit den anderen Überwesen beherrschen – daher bebte und grollte das gesamte Gebiet unter Brüllens Wut.
Außerdem schien es, als hätten die Geschwister einen Handel vereinbart: Magma gegen Informationen aus der Außenwelt. Ein ungleicher Tausch wie Samsara fand. Während der eine genug Ressourcen hatte, neue Feuermassen zu produzieren und weiterzugeben, waren die Informationskanäle des anderen verschwindend gering. Zürnen konnte sich, genauso wie Brüllen, nur in einem festgelegten Gebiet auf dem Vulkan bewegen. Er war an den Berg gebunden, wie sein Bruder an die Feuerfelder. In den Götterbergen gab es schlafende Erdgeister, kaum Menschen und wilde Winde, die sich nicht dazu herabließen, einem Feuergeist die Geschichten der Welt zu erzählen. Dafür hatten es die Windgeister im Gebirge viel zu eilig.
Samsara war davon überzeugt, dass sich Zürnen von Brüllens Ware ernährte. Auf lange Sicht würde er schwächer werden, der Berg würde nicht mehr wachsen, das Gestein irgendwann zu endegehen. Das Feuer würde erlöschen ...
»Das müssen wir verhindern«, drängte Kasai, der Samsaras Gedankengänge genau mitverfolgt hatte. »Wir können die zwei sich nicht ihrem Schicksal überlassen!«
»Sag mir, wie wir sie besänftigen sollen. Der eine hört nicht auf den anderen und glaubt nur das, was er für richtig hält«, erwiderte Samsara.
»Mit dem aufgewühlten Zorn kann man jetzt ohnehin nicht reden«, quasselte Kaiyô los. »Den muss man erstmal abkühlen.«
Brüllen warf nun in wildem Zorn das flüssige Feuer der Öffnung des Kraters entgegen, drängte es aus dem Berg hinaus. Schrie und wütete, während er sich kopfüber in ein Becken aus Magma stürzte, um fluchend aus einem anderen auszubrechen und mehr Glut und Metall der Trichteröffnung entgegenzudrängen. »Ersticke an meinem Zorn!«, brüllte er.
»Wir sollten hier verschwinden«, brummte Mikage Ishi.
»Draußen wird es kaum sicherer sein«, jammerte Kaiyô. »Dort werden wir nicht von Magma verbrannt, dafür von Lava überworfen.«
»Vielleicht ist die andere Schlange vernünftiger.« Samsara setzte sich in Bewegung und eilte an den Magmabecken vorüber. Es war nur noch ein Becken vor ihnen, als die heiße Flüssigkeit daraus hervorbrach und der Strom aus rotem Gestein die Hexe erfasste. In diesem Moment reagierte nicht sie, sondern die drei Geister in ihrem Inneren. Mikage Ishi gab ihr eine feste Steinhaut, Kaiyô presste Wasser aus ihrem Körper zwischen ihre Haut und den Stein. Kasai suchte Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Trotz der Mühen der Überwesen stieg die Temperatur unter Samsaras Schutzschild viel zu schnell.
»Halt durch«, brummte der Erdgeist.
»Wo sind wir?« Ihre Stimme flatterte vor Angst. Sie konnte nichts sehen, bekam schlechter Luft.
»Wir halten dich am Leben«, versprach Kaiyô überraschend gefasst.
»Gleich hat er uns ausgespuckt«, redete Kasai auf sie ein.
Sie spürte, wie ihr Körper hin und her geworfen wurde. Etwas zerrte an ihr, schleuderte sie in die Höhe. Zumindest glaubte sie das, denn in vollkommener Dunkelheit konnte Brüllen sie auch überall hinschleudern und sie hätte nicht gewusst, wo oben oder unten war. Nur der stechende Geruch von verbranntem Haar und die zunehmende Hitze auf ihrer Haut waren Wahrnehmungen, deren sie sich sicher war.
Ruckartig endete die wilde Fahrt und etwas legte sie nach dem Auf und Ab behutsam ab.
Mikage Ishi zog die Steinhaut zurück, Kaiyô schickte den Großteil des Wassers wieder in ihren Körper und mühte sich ihre Körpertemperatur weiter abzusenken. Sie blickte in die feurigen Augen der Schlange, die am Gipfel hauste. Über Samsara rauschte die Lava hinweg, doch sie spürte nichts von der Gluthitze. Keine übelriechenden und giftigen Dämpfe waren in der Luft, die sie umgab.
Zürnen hatte seinen nun gewaltigen Körper zu einer Art Nest gewickelt, in dem sie geschützt vor den Launen des Vulkans lag. Brüllen tobte noch immer im Berg. Die Schlange wuchs mit jedem Lavaschwall, der den Berg verließ.
»Konkan grüßt«, sagte sie nach einem beherztem Husten. »Ich bin Samsara.«
»Mein Name ist Zürnen«, stellte sich die Riesenschlange höflich vor. »Meinen wütenden und zu Jähzorn neigenden Bruder hast du ja bereits kennengelernt.«
Sie nickte. »Er ernährt dich, oder?«, fragte sie vorsichtig und untersuchte ihren Körper flüchtig nach Verletzungen. Bis auf ihr Haar, das leicht angesengt war, war sie dank ihrer Geister heil geblieben.
Zürnen funkelte sie aus den Augenwinkeln an. »Du bist klug«, meinte er und schob seinen Schlangenkopf noch etwas näher an sie heran. »Ich wusste nicht, dass es Wesen wie dich gibt.« Er lachte bitter. »Ich hatte wohl Glück überhaupt von der Existenz der Menschen zu erfahren.«
Samsara betrachtete die Schlange genauer. »Euch zwei habe ich nicht auf den Lenztänzen gesehen. Seid ihr dort gewesen?«
»Wir waren noch nie bei den Tänzen«, antwortete er. »Ja, das wäre der einzige Zeitpunkt im Jahr, an dem wir den Vulkan für eine Woche verlassen könnten, aber ... wir schaffen es nicht zu Konkans Thron.«
Samsara rief sich die Umgebung hinter der Wand aus Lava ins Gedächtnis. Von dem Berg aus, hätte man die Felsformation, die Konkans Thron genannt wurde, sehen müssen. Der Fels glich einem riesigem Sitz und zu den Lenztänzen versammelten sich dort alle Überwesen Cataractas, um ihre Göttin Konkan zu feiern. Die Hexe musste sich verbessern – fast alle Überwesen.
»Solange wir am Vulkan sind, haben wir Macht und sind stark. Anders als die meisten Feuergeister beziehen wir unsere Energie nur aus dem, was der Erdkern uns gibt. Wir brauchen immer den direkten Kanal zum Kernfeuer. Wir haben es ein paar Mal versucht, den Thron zu erreichen. Schon am Fuß des Bergs schwanden meine Kräfte und Brüllen hatte es kaum aus dem Krater geschafft. Wenn uns Menschen dienen würden, wäre es vielleicht anders. Aber so ... mitten in den Götterbergen interessiert sich keiner für einen Vulkan, der dann und wann Feuer spuckt.« Zürnen öffnete ein Loch in der Lavakuppel und betrachtete die Krateröffnung, aus der noch immer geschmolzenes Gestein sprudelte. »Er hat sich tief in den Fels gegraben. Sein Magma kommt tatsächlich vom Erdkern. Sein Reich ist gewaltig, doch es reicht ihm nicht. Er will das hier oben sehen und das, was hinter den Bergen ist. Und dabei vergisst er, dass das hier alles ist, was ich habe. Aber ich brauche ihn ... das weiß er auch. Also schüre ich seinen Zorn, dass er mir wenigstens ab und zu etwas zum Leben gibt.« Er schloss das Fenster zum Kraterschlot wieder, um Samsara vor den Gasen und der Asche zu schützen.
Die Lava musste sich mittlerweile vom Berg hinabwälzen. Mit rasender Geschwindigkeit begrub sie den Berg unter sich. Irgendwann würde sie langsamer werden und auskühlen.
Nach einer Weile beruhigte sich der Vulkan. Offenbar hatte sich die Schlange im Berg verausgabt.
»Er muss seine Becken wieder auffüllen«, stellte Zürnen trocken fest. »So viel hat er schon lange nicht mehr ausgespuckt.«
Das Brodeln im Berg ließ nach und ebenso die Vibrationen. Schließlich war nichts mehr von dem Zorn zu spüren. Die Lava wurde langsamer und schien in dem Bogen über Samsara bereits wie eine Haut hart zu werden. Es würde noch Stunden dauern bis sie tatsächlich ausgekühlt und zu festem Gestein geworden war. Langsam machte sie sich Sorgen, wie sie aus dieser Lavahöhle entkommen sollte. Sie war auf die Freundlichkeit des Feuergeists angewiesen. Das missfiel ihr, obwohl sie ihn nett fand.
»Denkst du, dass Brüllen gar nichts von dir braucht?«, wollte Samsara wissen.
Zürnen betrachtete sie verwirrt. »Was soll er schon von mir brauchen? Das, was er will, kann ich ihm ohnehin nicht geben.«
»Das, was man will, ist nicht immer das, was man braucht«, erwiderte die Hexe achselzuckend. Sie wusste oft selbst nicht, was sie brauchte und stattdessen wollte. Doch sie war sich bewusst, dass es einen Unterschied gab.
Die Schlange schob sich in einer großen Runde um Samsara herum. Als ihr Kopf hinter ihr war, fragte sie: »Was braucht er von mir?« Ihre Schnauze war so nah an ihrem Kopf, dass die Zunge an ihr vorbei züngelte. Sie war noch heißer als das Magma unten im Berg.
»Sein Reich«, erwiderte die Hexe ruhig. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Die Lava, die du lenkst und formst, fließt den Berg hinab und erkaltet auf dem vorhandenen Gestein. Der Berg wächst und du hast es in der Hand, wie und wohin er sich ausdehnt.«
Zürnen stutzte und dachte einen Moment lang nach. »Du hast recht«, murmelte er. »Seit wir hier sind, ist der Vulkan höher geworden. Zu Beginn der Zeit konnte ich den Thron von hier aus nicht sehen. Andere Berge versperrten mir die Sicht.« Er hielt inne, wälzte sich wieder um Samsara. »Heißt das, wir könnten uns auf Konkans Thron zubewegen?«
»Ich nehme es an«, erwiderte sie. »Wobei es dauern wird.«
»Das macht nichts.« Lava schoss herum und öffnete den Zugang zur Krateröffnung. Glücklicherweise war der Körper der Schlange schier unendlich lang, sodass er Samsaras Refugium aufrecht erhalten konnte. Tatsächlich kam kein Magma mehr aus dem Berg geschossen und er konnte sich in den Berg hineinbeugen. »Brüllen!«, hörte sie ihn rufen.
»Was?«, hallte es aus dem Berg. Es klang missmutig und erschöpft.
»Bei mir ist ein Mensch«, rief Zürnen.
»Das ist kein Mensch. Das ist ein Halbwesen. Sie war bei mir, aber dann ... dann habe ich sie mit dem Magma aus dem Berg geworfen. Erstaunlich, dass sie das überlebt hat.«
Die Schlange am Gipfel machte eine Pause. Vielleicht überlegte er, wie er weiterreden sollte. »Ich wollte mich entschuldigen«, sagte er dann, ohne weiter auf das wenig reumütige Gebrabbel seines Bruders einzugehen.
»Entschuldigen?« Brüllens Stimme schwang von Überraschung, während Samsara an den Krater herantrat. »Wofür solltest du dich entschuldigen wollen? Halt mich nicht zum Narren!«
»Nein, es ist mir ernst. Es tut mir leid, dass ich dich immer wütend gemacht habe. Ich dachte, es wäre meine einzige Chance am Leben zu bleiben ... Ich wollte den Handel ja gern einhalten, den wir geschlossen haben, aber ... hier oben ... hier ist nichts.«
»Aber du bist frei. Und ich bin in diesem Berg.« Er klang todunglücklich.
»Keiner von uns ist frei«, erwiderte Zürnen. »Aber wir könnten ... wir könnten vielleicht irgendwann am Thron sein.«
»Versprich mir nicht schon wieder etwas, das du nicht halten kannst«, grollte Brüllen.
»Das tut er nicht.« Samsara blickte zu ihm hinunter. Er sah nach oben, nun ein kläglicher Schatten der mächtigen Schlange, die eben noch Unmengen Magma aus dem Vulkan geworfen hatte. Es war, als hätten die Feuergeister ihre Körper vertauscht. Während sich der eine satt gefressen hatte, war der andere geschrumpft. Erst, wenn der Berg wieder aufgeschmolzen war, würde Brüllen seine alte Größe erlangen und Zürnen wäre wiederum in sich zusammengesunken.
Samsara erklärte dem Magmageist die Möglichkeit, den Berg gezielt in eine bestimmte Richtung wachsen zu lassen. Es würde lange dauern, doch so konnten sie ihr Reich gemeinsam erweitern. Es brauchte viel Überredungskunst, doch schließlich war er einsichtig. Sein Zorn hatte über Jahrhunderte sein eigentliches Wesen getrübt und sowohl er als auch Zürnen hatten darunter gelitten.
Die Hexe blieb über Nacht auf dem Vulkan, erzählte den Geistern von der Welt weit entfernt von ihrem Berg. Berichtete von den Menschen, die Städte und Dörfer erbaut hatten, von den Überwesen, die im Gebirge und in den Tälern lebten. Kasai lobte die Schönheit und Macht der beiden und ließ sich den ein oder anderen Ratschlag geben, wie man Feuer noch heißer und hungriger machen konnte.
Mit dem Morgengrauen erhob sich Samsara und wollte sich von den Feuergeistern verabschieden – und sie um Freilassung bitten. Ihr Weg musste sie noch an viele Orte führen und sie durfte nicht zu lange verweilen.
»Wir haben noch ein Geschenk für dich«, meinte Zürnen.
»Du hast uns sehr geholfen, da ist es das Mindeste, das auch wir dir etwas zurückgeben«, setzte Brüllen hinzu, dessen Kopf knapp unter der Krateröffnung zu sehen war. Im Laufe der Nacht hatte er sich erholt und war an den Kraterrand gekrochen.
»Du kannst die Lava nicht bewegen«, begann Zürnen. »Lava ist Erde und Feuer in einem, aber es gehorcht nicht dem typischen Feuer und ebenso nicht der Erde. Metalle sind sturer, Feuer aus dem Erdkern wilder. Man kann es eigentlich nicht bewegen oder ihm seinen Willen aufzwingen, aber man kann es lenken.« Er beugte sich zu Samsara herunter. »Berühr mich bitte an der Stirn.«
Sie legte ihre Handfläche zwischen seine Augen. Die schuppige Haut war brennend heiß und sie musste sich beherrschen, die Hand nicht sofort wieder wegzuziehen.
»Ha!«, machte Kaiyô, als das Wissen in Samsaras Gedanken geflossen war. »Es funktioniert wie mit Wasser!«
Kasai stöhnte. »Ausgerechnet das ...«
»Danke«, sagte Samsara und verneigte sich vor den beiden Feuergeistern, die Streithähne in ihrem Inneren ignorierend.
»Hab eine gute Reise«, wünschte Brüllen.
»Und komm mal wieder bei uns vorbei«, fügte Zürnen hinzu und öffnete die Kuppel für das Mädchen. »Versuch es mit dem Lenken der Lava. Sie wird dich nicht verbrennen.«
Samsara erfühlte das heiße Gestein, das sich vor ihr erstreckte und sich gut einen Meter hoch auf den Berg gelegt hatte. Mit geschickten, fließenden Bewegungen kühlte sie die Oberfläche etwas ab und stellte sich auf den Rand. Wie sie das Loch in den Berg getrieben hatte, schnitt sie sich ein Stück aus der Lava und hob es mit Mikage Ishis Macht auf die erstarrende Masse.
»Bis bald!«, hörte sie Brüllen aus dem Berg. »Vielleicht sind wir dir dann schon entgegengekommen.«